Wirtschaftspsychologie

Out of the Box

27. November 2017

„Out of the Box“ ist das dritte und druckfrische Buch von Mathias Morgenthaler, Journalist beim Bund in Bern und beim Tages-Anzeiger. Auf knapp 400 Seiten bringt der Sprachvirtuose die Essenz aus 1000 Interviews, die er in den letzten 20 Jahren zum Thema Beruf und Berufung geführt hat, zu Papier.

Gutbürgerliche Zeitgenossen könnten beim Lesen zwischendurch vom Gedanken beschlichen werden, das Buch verherrliche Aussteiger; stelle Menschen aufs Podest, die in der Schule nichts auf die Reihe gekriegt haben, weil unser Schulsystem einzig Konformität und Standardisierung anstrebe und individuelle Talente verkümmern lasse; bejuble Leute, die der kapitalistischen Gesellschaft den Rücken gekehrt haben und nun bildhauern, Atemtherapie anbieten, schauspielern oder Postkarten auf Auftragsbasis schreiben.

Buchcover "Out of the box"

Der erste Teil des Buches – insgesamt sind es drei – ist tough. Da werden einem Zitate von namhaften Schriftstellern, Genetikprofessoren, Neurobiologen, Philosophen, Psychologen und Ärzten um die Ohren gehauen, die man so eigentlich gar nicht hören will. Es werden nämlich Werte oder Prinzipien infrage gestellt, die man voll- oder halbherzig, aufgezwungen oder frei gewählt, selbstverständlich oder unverständlicherweise vertritt. Und genau da liegt der springende Punkt: „Out of the Box“ fordert unmissverständlich dazu auf, seine persönliche Einstellung zu Erfolg, Karriere, Status, Zufriedenheit und Erfüllung zu hinterfragen. Ob man will oder nicht, es passiert einfach. Das kann sehr bereichernd, aber auch anstrengend sein.

Wenn man den ersten Teil verdaut hat, in dem der tägliche Ärger bei der Arbeit und die unfähigen Chefs für manch einen vielleicht etwas zu pointiert daherkommen, folgt das Herzstück des Buches: Eine Auswahl von 57 Interviews mit beeindruckenden, mutigen Persönlichkeiten, die weder notorische Unterrichtsstörer oder Schulversager noch alternative Aussteiger sind. Auf eine wunderbar allürenlose Art werden Menschen porträtiert, die ihre Berufung gefunden haben – auf direktem Weg oder auf Umwegen, als Selbständige oder Angestellte, in Non-Profit- oder gewinnorientierten Organisationen.

Spätestens hier versöhnt man sich auch wieder mit dem ersten Buchteil. Mathias Morgenthaler geht es nämlich nicht darum, unser Bildungs- oder Wirtschaftssystem zu kritisieren, sondern er kommt – basierend auf einer intelligenten, facettenreichen Argumentation – zu folgendem Schluss: Viele von uns fügen sich zu sehr dem Konformitätsdruck. Messen der Meinung anderer zu viel Wert bei, die so gut zu wissen scheinen, was für uns das Beste ist. Nehmen ihre Talente und Gefühle zu wenig ernst. Erfüllen die Erwartungen Dritter, nicht die eigenen. Versuchen zu ignorieren, dass Status, Macht oder Reichtum einen Mangel an Selbstbewusstsein und Erfüllung nicht kompensieren können.

Kurzum: Viele von uns versäumen es bis ans Lebensende, ihre Berufung zu leben. Ja, aber soll mal einer verraten, wie man das überhaupt anstellt! Eben. In diesem Buch verrät es nicht nur einer, sondern siebenundfünfzig. Für jeden Geschmack ist etwas dabei, von den Geschichten, die da erzählt werden, bleibt niemand unberührt. Da ist der noch junge Firmengründer, der seinen Chefsessel für seinen noch jüngeren Nachfolger räumt und auf einmal Anweisungen vom ehemaligen Praktikanten erhält. Da ist der Hoffotograf des Dalai Lama, der Unternehmer, der seine Firma verkauft und sich der Bildhauerei widmet, der ehemalige Spitzensportler, der fünf Jahre lang nach Investoren für seine Produktidee sucht. Da ist die Mutter, die spät eine akademische Laufbahn anpeilt und mit 56 eine Professur erhält, der junge Mann mit der geplatzten Profi-Mountainbike-Karriere, der heute veganen Käse herstellt, der Kadermann eines grossen Schweizer Detailhändlers, der eine eigene Schokoladenmarke aufbaut. Da ist die Architektin, die ins Blaue kündigt und sich als Fotografin selbständig macht, und der Hotelier, der die elterliche Hotelgruppe auf dem Kopf stellt. Und da ist der Bankdirektor, der auf Dreiviertel seines Lohns verzichtet und dafür auf einem Campingplatz lebt, und der Tiefbauzeichner und Softwareentwickler, der seine eigene Getränkelinie lanciert. Es fällt schwer, sich nicht in diesen Lebensgeschichten zu verlieren. Die Interviews sind hochgradig inspirierend!

Aber: Muss man sein Leben wirklich komplett umkrempeln, um seine Berufung zu leben? „Nein“, sagt der Autor auf unser Nachfragen. „Es braucht nicht immer einen radikalen Bruch. Manchmal beginnt die Veränderung damit, dass sich jemand ein paar Stunden pro Woche Zeit für sich nimmt, für Freundschaften, für ein vergessen gegangenes Hobby. Und mit der Zeit wird aus der Freundschaft ein Projekt, aus dem Hobby ein berufliches Standbein. Bei solch fliessenden Übergängen kann man sich langsam mit der Veränderung anfreunden und mutiger werden. Entscheidend ist für mich, dass Menschen ein Gefühl dafür bekommen, was sie wirklich wollen. Manchmal gelingt das am leichtesten, wenn sie sich in den Geschichten anderer wiedererkennen.“

Im letzten Buchteil beschreibt Mathias Morgenthaler zehn Schlüsselthemen, die er aus Tausenden Seiten Interviewmaterial herausgefiltert hat, und die uns noch den Rest geben. Unseren Restwiderstand brechen, uns kritisch mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen. Die uns darin bestärken, ein bisschen mutiger für unsere Bedürfnisse und Träume einzustehen. Das Buch ist kein Ratgeber – vielleicht erhält es gerade dadurch die Glaubwürdigkeit und den Tiefgang, durch die es uns ein Stückchen näher an unsere persönliche und berufliche Erfüllung heranführt.

Portrait Mathias Morgenthaler

 

Mathias Morgenthaler ist Journalist beim Bund in Bern und beim Tages-Anzeiger, Coach und Inhaber der Wortwirkung GmbH. Er hat in den letzten 20 Jahren über 1000 Interviews zum Thema „Beruf+Berufung“ geführt und die Veranstaltungsreihe „Berufungs-Forum“ ins Leben gerufen. „Out auf the box“ gehört laut neuster BILANZ-Bestsellerliste zu den zehn meistverkauften Wirtschaftsbüchern.

 

Weiterführende Informationen und Quellen:

Die bisherigen Interviews zu "Beruf+Berufung" von Mathias Morgenthaler

Mehr zu Morgenthalers Veranstaltungsreihe „Berufungs-Forum“

Bezugsquelle für das Buch „Out of the box“

Thema: Wirtschaftspsychologie

Autor: Sherin Keller

Datum: 27. November 2017

Schlagworte: Selbstmanagement, Interview

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