Wirtschaftspsychologie

Der Kopf macht den Unterschied

04. Oktober 2017

Top Performance, wenn’s drauf ankommt! Das gilt im Leistungssport genauso wie im Management. Der Fussballer will die Torchance verwerten, die Führungskraft eine Verhandlung erfolgreich abschliessen. Die besten Torschuss- und Verhandlungstechniken nützen allerdings nichts, wenn der Kopf nicht mitspielt und die Leistung nicht abgerufen werden kann. Während sich Manager Unterstützung von Personalentwicklern oder Führungscoaches holen, um ihr volles Potential auszuschöpfen, setzen Spitzensportler vermehrt auf das Wissen von Sportpsychologen. Einer davon ist Alain Meyer. Der ehemalige Challenge League Profifussballer betreut seit acht Jahren Spieler und Trainer des FC Basel. Neben seiner Haupttätigkeit als Sportpsychologe arbeitet er mit Managern und Führungskräften und bietet Unternehmen verschiedene Workshops und Kurse an.

Beim FC Basel ist er insbesondere für die Begleitung der Nachwuchstalente in die Profiliga verantwortlich. Welchem Druck die jungen Spieler ausgesetzt sind, wie er mit ihnen arbeitet, ob Goalies ein spezielles Klientel darstellen und was nach der Sportkarriere wichtig ist, verrät uns Alain Meyer im Interview.

Zitat des Sportpsychologen Alain Meyer zu seiner Arbeit

Sportpsychologe Alain Meyer gibt Einblicke in seine Arbeit (Bild).

Herr Meyer, Sie sind für das sportpsychologische Talent Management des FC Basel verantwortlich. Was muss man sich darunter vorstellen?

Meine Aufgabe ist es, Nachwuchstalente auf ihrem Weg in die erste Mannschaft und von da aus in die Nationalmannschaft zu begleiten. Es geht in erster Linie also nicht um einmalige sportpsychologische Interventionen, sondern um ein längerfristiges Zusammenarbeiten mit dem Ziel, die persönliche Leistung kontinuierlich zu optimieren. Als Profispieler muss man über gewisse Ressourcen verfügen und Bewältigungsstrategien zur Hand haben, um mit Druck umgehen zu können.

Von welchem Druck sprechen Sie?

Haben Sie schon mal vor 40'000 Leuten Fussball gespielt, und jeder – inklusive Sie selber, hat das Maximum von Ihnen erwartet? Trainer und Mannschaft stehen unter Hochspannung, da sitzen Talentscouts, die Presse wartet darauf, dass Sie entweder einen Coup landen oder total versagen, beides ist ihr recht. Hinzu kommen Ihr eigener Ehrgeiz, Ihre Karriereträume, vielleicht Ihr Perfektionismus und Lampenfieber … Das alles schafft Drucksituationen!

Und wie bewältigt man diese? Können Sie konkrete Strategien oder Techniken nennen, wie man die Drucksituationen in den Griff kriegt?

Die Fähigkeit, auch unter Druck und genau dann, wenn’s drauf ankommt, seine beste Leistung abzurufen, entsteht nicht über Nacht. Entsprechend gibt es auch keine Techniken, die man ein, zweimal praktiziert, und schwupp! tickt man grundlegend anders. Gerade junge, ambitionierte Nachwuchsspieler sollten langsam an eine mögliche Profikarriere herangeführt werden. Ich versuche ihnen Ruhe und Geduld bei der Planung ihrer Fussballkarriere zu vermitteln. Nicht bei der ersten positiven oder kritischen Pressemeldung aus dem Häuschen oder in Aufruhr zu geraten. Ich habe oft mit Perfektionisten zu tun, die sich schnell als Ganzes in Frage stellen und in ihrem Selbstbild erschüttert sind, wenn sie mal nicht die perfekte Performance hinlegen, Fehler machen. Gewisse Leistungsschwankungen sind normal! Kein Leistungssportler, und auch kein Manager, erbringt ausnahmslos Topleistung. Dies zu akzeptieren, hilft schon ungemein.

Dann verraten Sie uns also keine Techniken?

Techniken zur Leistungsoptimierung gibt es zahlreiche. Die Visualisierung gehört beispielsweise dazu, unter anderem verbreitet bei Skifahrern. Sie gehen eine Abfahrt vor ihrem inneren Auge x Mal durch, fahren die Strecke bis ins Detail ab und sehen sich mit Bestzeit ins Ziel einfahren. Ich pflege gerne zu sagen: Dort, wo deine Aufmerksamkeit liegt, geht auch deine Energie hin. Das bedeutet, dass sich die Gedanken eines Leistungssportlers vor einem wichtigen Spiel nicht bei irgendwelchen Misserfolgen in der Vergangenheit oder Problemen aufhalten sollten, sondern in der Gegenwart – und bei der Chance, diese zu gestalten. Die Gespräche mit den Athleten führen oft zu einem Perspektivenwechsel. Sie sehen eine Situation nicht mehr so negativ, sondern richten ihren Blick vermehrt auf ihre Ressourcen und ihr Leistungspotenzial.

Und wie erreichen Sie das?

Was ich gerne einsetze, ist das Beobachten und Tagebuchschreiben. Die Sportler beobachten sich ganz wertfrei, quasi als Aussenstehende, und halten fest, wo und wann sie sich im Defizitdenken ertappen und wann sie ihren Fokus auf Stärken und Lösungsszenarien richten. Falls hilfreich, halten sie die Gedanken in einem Tagebuch fest. Die Beobachtungen liefern die Basis für weitere Interventionen. Eine andere Technik ist, sein eigener bester Freund zu werden. Oft sind wir unglaublich verständnisvoll, unterstützend und konstruktiv beratend, wenn es um unsere Freunde oder Familie geht. Mit uns selber gehen wir aber hart und kritisch ins Gericht. Versucht man, mit sich selber so zu reden, wie man es mit seinem besten Freund tut – sich vor einem wichtigen Spiel Mut zusprechen, an sich glauben, bestätigen, dass man sich auch im Falle einer Niederlage noch mag – kann das positive Emotionen auslösen, das Selbstvertrauen stärken und dazu beitragen, unter Druck zu performen. Wichtig: Ausschliesslich positiv zu denken und grenzenloser Optimismus sind aber nicht die richtige Strategie. Man kann tatsächlich mal etwas vermasseln. Darauf sollte man vorbereitet sein.

Ist es als junges, draufgängerisches Nachwuchstalent nicht uncool, mit einem Psychologen zusammenzuarbeiten?

Unsere jungen Talente haben keine andere Wahl! [Lacht]. Während wir den Profis und älteren Spielern die sportpsychologische Beratung auf freiwilliger Basis anbieten, gehören bei den Nachwuchstalenten die Treffen mit mir zum Pflichtprogramm. Die Bereitschaft der Jungen für eine konstruktive Zusammenarbeit ist aber gross. Das hat viel mit der Kultur und Ausbildungsphilosophie des Clubs zu tun. Die Trainer des Nachwuchsbereichs haben in den letzten Jahren immer wieder vor ganzer Mannschaft betont, dass ihnen nicht nur das technische Training, sondern auch die Kopfarbeit – und dabei meinten sie nicht Kopfbälle – wichtig ist. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit sportpsychologischer Arbeit wurde sukzessive geschaffen und ist gerade bei den Jungen sehr gross.

Wie steht es mit den Goalies? Brauchen sie eine spezielle Betreuung?

Goalies sind tatsächlich eher Einzelsportler, recht isoliert von der Mannschaft und dabei sehr exponiert. Die psychische Belastung ist intensiv, anders als bei einem Feldspieler. Während der Feldspieler hofft, dass etwas passiert, dass er aktiv etwas herbeiführen kann, liegt der Fokus des Goalies auf der Vermeidung. Er hofft, dass ja nichts passiert. Und wenn ein Goal geschossen wird, ist er nie der Held – schon gar nicht, wenn der Ball bei ihm ins Netz fliegt. Die Goalies zeigen speziell grosses Interesse an sportpsychologischer Beratung und Betreuung. Bei ihnen ist es extrem wichtig, dass sie ihre Energie auf den Moment richten und negative Erlebnisse ausblenden können. Unaufmerksamkeiten können matchentscheidend sein …

Irgendwann ist die Karriere zu Ende. Begleiten Sie Spitzensportler nach geplantem oder ungeplantem Karriereende in ein neues Berufsleben?

Der Prozess beginnt schon während der Sportkarriere. Wichtig ist, dass der Athlet sich nicht ausschliesslich über seine sportliche Leistung definiert, sondern weitere persönliche Eigenschaften, Fähigkeiten und Stärken erkennt und anerkennt. Wenn er auf die Frage „Wer bist du überhaupt?“ nur die Antwort „Ich bin Profifussballer“ parat hat, kann das kritisch sein. Früher oder später, geplant oder ungeplant, wird ein Profisportler alternative berufliche Wege einschlagen müssen. Wenn er sich schon während der Sportkarriere ab und zu mit seinen Persönlichkeitsfacetten, seinen Stärken, seinen Interessen und so weiter auseinandergesetzt hat, wird ihm dies leichter fallen. Dafür versuche ich unsere Athleten zu sensibilisieren.

Verfügen Spitzensportler über besonders gute Voraussetzungen, um in der Wirtschaft Fuss zu fassen?

Spitzensportler verfügen sicher über Eigenschaften, die ihnen in der Wirtschaft zugutekommen: Starker Leistungswille, Disziplin, Zielorientierung, die Fähigkeit, sich sowohl auf Einzel- als auch Teamleistung zu konzentrieren. Auch ausgeprägter Ehrgeiz und Perfektionismus sind typisch für Spitzensportler. Grundsätzlich sind dies alles förderliche Attribute für eine Karriere in der Wirtschaft. Was man dabei bedenken sollte: Menschen, die im Job an ihre Grenzen stossen, sind oft sehr ambitioniert, perfektionistisch, leistungsorientiert. Spitzensportler können also besonders gefährdet sein, aus dem Gleichgewicht zu fallen. Themen wie Ressourceneinsatz, Kanalisieren der Energie oder Abgrenzung muss man mit ihnen ansprechen.

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Thema: Wirtschaftspsychologie

Autor: Sherin Keller

Datum: 04. Oktober 2017

Schlagworte: Wirtschaftspsychologen @ work, Interview

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