Accounting und Controlling

Bewertungsgrundsätze: Langfristige Aufträge (1/4)

11. September 2017

Langfristige Aufträge zeigen besondere Unterscheidungsmerkmale zu normalen Aufträgen auf. Besonders im Bau-und teilweise auch im Dienstleistungssektor sind langfristige Aufträge typisch und deren Bewertung von besonderer Bedeutung. Dies werden wir in einem ersten Post einer vierteiligen Blogserie genauer beleuchten.

Definition und Charakteristik

Langfristige Aufträge unterscheiden sich von "normalen" dadurch, dass sich die Erstellung eines spezifischen Werkes oder die Erbringung einer speziellen Leistung für Dritte über einen längeren Zeitraum (mehrere Monate ohne Mindestzeit) (FER 22.11) erstreckt und der Auftrag für die Organisation von Bedeutung ist (FER 22.1), d.h. einen wesentlichen Einfluss auf das Periodenergebnis hat, mit allfälligen eventuellen existentiellen Risiken, die bei der Bilanzierung zu berücksichtigen sind (FER 22.12).

Mann untersucht Bilanz mit LupeLangfristige Aufträge weisen Unterscheidungsmerkmale zu "normalen" Aufträgen auf (Symbolbild) 

Weitere Unterscheidungsmerkmale sind (FER 22.9):

  • Für den Einzelfall ausgehandelte Verträge (Werkvertrag, Auftrag usw.);
  • Individueller Charakter und keine Massen-, Serienfertigung oder Standardaufträge;
  • Vertragsabschluss erfolgt vor Herstellung.

Solche Verträge findet man im Baubereich (Hoch- und Tiefbauprojekten), im Maschinen- und Anlage-, Kraftwerkbau sowie bei der Einzelfertigung von Einheitsaufträgen wie z.B. Flugzeugen, Lokomotiven, Siedlungsbauten. Im Dienstleistungssektor lassen sich als Beispiele Architekten-, Ingenieur- und Entwicklungsaufträge (Software, IT-Systeme, Verfahren, Prozesse, Produkte und Marken) nennen (FER 22.10).

Verträge werden auch nach der Art der Preisgestaltung unterschieden (siehe nachfolgende Tabelle).

Vertragsarten (FER 22.13)

Vertragsarten (FER 22.13) 

Bewertungsmethoden und Grundsätze 

Percentage-of-Completion Method (PoCM) 

FER 2.10 (FER 22.2, FER 22.14) gestattet die Bewertung langfristiger Aufträge nach der Percentage-of-Completion Method (PoCM), sofern die in FER 2.27 und FER 22.4 aufgeführten Voraussetzungen kumulativ erfüllt sind:

  • es liegt ein Vertrag vor;
  • Hersteller und Auftraggeber werden mit hoher Wahrscheinlichkeit die vertraglich vereinbarten Leistungen erbringen;
  • es existiert eine für die Abwicklung langfristiger Aufträge geeignete Auftragsorganisation;
  • Auftragserlöse, Auftragsaufwendungen und Fertigstellungsgrad können zuverlässig ermittelt werden.

Die zuverlässige Ermittlung von Auftragserlösen, Auftragsaufwendungen und Fertigstellungsgrad ist notwendig, weil bei der PoCM nicht nur die Anschaffungs- und Herstellungskosten sondern auch weitere auftragsbezogene Aufwendungen und ein allfälliger Gewinn anteilsmässig berücksichtigt werden, sofern die Realisierung des Auftrages mit genügender Sicherheit feststeht.

Completed Contract Methode (CCM)

In allen anderen Fällen kommt gemäss FER 22.3 und 22.19 die Completed Contract Methode (CCM) zur Anwendung. Bei dieser Methode wird die erfolgswirksame Erfassung des langfristigen Auftrages erst nach dem Übergang des Lieferungs- und Leistungsrisikos vom Auftragnehmer an den Auftraggeber vorgenommen, was in der Regel mit einem schriftlichen Abnahme-/Inbetriebsetzungsprotokoll erfolgt. Während der Fertigungszeit werden die wiedereinbringbaren angefallenen Auftragsaufwendungen aktiviert. Es wird kein Gewinn erfasst und falls die Wahrscheinlichkeit besteht, dass die erwarteten gesamten Aufwendungen die Auftragserlöse übersteigen, ist die Differenz sofort dem Periodenergebnis zu belasten (FER 22.20).

Weitere (alternative) Bewertungsmethoden und wie langfristige Aufträge bei Verlusten zu bewerten sind, lesen Sie in einer Fortsetzung. 

Bewertungsgrundsätze: Langfristige Aufträge (2/4): Alternative: Ausweis des Umsatzes, Einzelbewertung vs. Gruppenbewertung, Erhaltene Anzahlungen, Verlustbehandlung, Zusammenfassung

Bewertungsgrundsätze: Langfristige Aufträge (3/4): Ermittlung Fertigestellungsgrad, Offenlegung / Anhang

 

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