Wirtschaftspsychologie

CSI: Solothurn. Psychologin in Action

28. August 2017

Fiona Louis hat an den Unis Fribourg und Bern Psychologie studiert und bereits während des Studiums in den Bereichen Testentwicklung/Diagnostik und Assessment Berufserfahrung gesammelt. Nach Abschluss des Studiums hat sie sich ein Jahr lang exklusiv ihrer ersten Tochter gewidmet, und stieg dann am Zentrum für Diagnostik, Verkehrs- & Sicherheitspsychologie des Instituts für angewandte Psychologie (IAP) der ZHAW als Beraterin ein. Seit eineinhalb Jahren leitet Fiona Louis nun den psychologischen Dienst der Kantonspolizei Solothurn. Im Interview verrät sie uns, inwieweit ihr Arbeitsalltag filmreif ist, wie sie ihr psychologisches Wissen in die Praxis umsetzt und wo ihre persönlichen Herausforderungen liegen.

Portrait und Zitat von Interviewpartnerin Fiona Louis Fiona Louis erzählt aus ihrem Alltag als Polizeipsychologin (Bild).

Frau Louis, Sie sind Arbeits- und Organisationspsychologin. Was machen Sie bei der Polizei?

Grundsätzlich alles, was eine Arbeits- und Organisationspsychologin auch in einer anderen Organisation macht: Sich mit Konflikten am Arbeitsplatz befassen, Stress- und Burnout-Fälle begleiten, Massnahmen zur Teamentwicklung erarbeiten, coachen, Workshops moderieren, bei Assessments mitwirken, Mitarbeiterumfragen designen, durchführen und nachbereiten, Artikel für die Mitarbeiterzeitschrift schreiben, und vieles mehr.

Als Leiterin des psychologischen Dienstes bin ich der Chefin Personal- und Organisationsentwicklung unterstellt und agiere in einer Triagen-Funktion: Wenn Mitarbeiter und Führungskräfte mit einer arbeitsbezogenen Angelegenheit nicht mehr weiterkommen, bin ich Anlaufstelle für ihre Anliegen. Je nach Thema nehme ich mich selber der Sache an, beispielsweise durch Unterstützen bei einem Teamkonflikt, oder ich überlege zusammen mit der betroffenen Person, welche externen Interventionen und Massnahmen Sinn machen. Das könnten beispielsweise eine Abklärung bei einem Facharzt, eine Familienberatung oder eine Psychotherapie sein.

Die Polizei als Arbeitgeber ist aber schon etwas Besonderes?

Was mir gefällt, ist das heterogene Umfeld, in dem man sich bewegt. Die Zusammenarbeit mit Menschen, die ganz unterschiedliche Werdegänge und Geschichten mitbringen. Die Grundvoraussetzung für Polizeiaspiranten ist eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Maturitätsabschluss mit Berufserfahrung. Entsprechend vielfältig sind die beruflichen Hintergründe der Polizisten – vom Berufseinsteiger bis zum obersten Kader. Diese Diversität empfinde ich bei der Polizei als grösser als in vielen anderen Unternehmen. Für mich bedeutet das unter anderem, dass kein Fall wie der andere ist und ich mit ganz vielen ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten in Kontakt komme. Der Prototyp eines Polizisten existiert für mich daher auch gar nicht. Hinzu kommt, dass bei der Polizei ja auch viele zivile Angestellte sind, die sich mit ihren Anliegen genauso an den psychologischen Dienst wenden können wie Polizisten.

Auch im Fernsehen gibt es Polizeipsychologen. Das sind dann oft die Helden, die Verbrecher durchschauen und entlarven. Wie sieht die Realität aus?

Was Sie ansprechen, sind die Profiler oder Fallanalytiker, welche eine Straftat Schritt für Schritt zu rekonstruieren versuchen und daraus Verhalten und soziales Umfeld des Täters ableiten. Diese Informationen wiederum sollen den Fahndern mögliche Anhaltspunkte zum Tatmotiv oder Täterprofil liefern.

Meine Arbeit als Polizeipsychologin ist zwar spannend und vielfältig, aber Verbrechen decke ich nicht auf. Das überlasse ich lieber erfahrenen Kriminalbeamten. Ich bin grundsätzlich für alle psychologischen Angelegenheiten innerhalb der Organisation zuständig und somit interne Ansprechperson für Polizisten und zivile Mitarbeitende. Diese Art von Arbeit ist für das Fernsehen natürlich nicht besonders interessant, genauso wenig wie die Arbeit einer A&O-Psychologin eines anderen Unternehmens. Mit Tätern komme ich höchstens dann in Kontakt, wenn ich als Mitglied der Verhandlungsgruppe ausrücke, was sehr selten vorkommt. Aber auch da besteht meine Hauptaufgabe in der Unterstützung des Teams und der psychologischen Analyse im Hintergrund.

Betreuen Sie Polizisten auch nach belastenden Einsätzen?

Ja, Notfallpsychologie gehört in mein Tätigkeitsgebiet. Bei sehr belastenden Situationen wie z.B. einem Grossschadenereignis würden aber sofort auch spezialisierte Care Teams beigezogen. Eine Polizei und deren psychologischer Dienst könnten das nicht alleine bewältigen. Brauchen jedoch einzelne Polizisten psychologische Unterstützung, steht in einem ersten Schritt mein Team zur Verfügung. Das kann nach einem Einsatz bei einem Verkehrsunfall, einem Suizid, einer Schussabgabe, also ganz generell nach Erlebnissen sein, die emotional tief aufwühlen. Je nach Bedürfnis und Zustand kümmern sich externe Fachspezialisten um die betroffenen Personen. Posttraumatische Belastungsstörungen gehören von Experten therapiert.

Schön zu sehen ist, dass es manchmal nur wenig braucht, um Beistand und Unterstützung zu leisten. Natürlich passieren auch innerhalb einer Organisation wie der Polizei Fehler. Für die Mitarbeitenden ist es dabei von grosser Bedeutung, wie sich ein Vorgesetzter verhält – welche Fehlerkultur er selbst vorlebt, ob er zuhört und sich mit den Gedanken und Zweifeln seiner Mitarbeitenden auseinandersetzt. Ein empathischer Vorgesetzter kann sehr viel abfangen und bewirken!

Wie integrieren Sie Inhalte, Methoden und Erkenntnisse aus Ihrem Studium in die Arbeit?

Die Transfermöglichkeiten sind fast grenzenlos. Im Studium haben wir gelernt, wie man effizient recherchiert. Das hat mich dazu inspiriert, einen Literaturklub ins Leben zu rufen. In meinem Team recherchiert jeder regelmässig zu einem für uns relevanten Thema, stellt es vor und wir diskutieren es.

Im Studium wurde uns vermittelt, wie man Fragebögen entwickelt, Umfragen durchführt und auswertet. Dieses Wissen kann ich bei der Befragung unserer Polizisten nutzen, die nach dem ersten Dienstjahr zu ihrer Arbeitszufriedenheit befragt werden.

Im Studium wurde uns gezeigt, wie man Workshops designt und durchführt, wir wurden in die psychologische Gesprächsführung eingeweiht und haben gelernt, Gruppenprozesse zu verstehen. Und so weiter und so fort. Mein theoretisches psychologisches Wissen ist Grundlage meines beruflichen Handelns.

Welches sind die grössten Herausforderungen in Ihrem Arbeitsumfeld?

Ich nenne Ihnen zwei persönliche Herausforderungen: Die erste hat mit Notfallpsychologie zu tun. Diese bedingt einen sehr bewussten, wachsamen Umgang mit den eigenen Ressourcen. Vielleicht werde ich eines Tages mit einer Situation konfrontiert, die mich selbst psychisch stark belastet. Vielleicht werde auch ich einmal die Hilfe und Unterstützung meiner Chefin oder einer externen Fachperson beanspruchen müssen, weil ich das Gehörte und Gesehene nicht alleine verarbeiten kann. Ich hoffe, dass ich in dem Moment mir gegenüber aufmerksam und ehrlich genug bin, um das zu erkennen.

Die zweite Herausforderung – und gleichzeitig das, was meine Arbeit so interessant macht – ist das polizeiliche Umfeld. Ich darf psychologische Erkenntnisse Menschen näherbringen, die oft unter Zeit- und Entscheidungsdruck stehen, von äusseren Umständen abhängig und stark hierarchisch aufgestellt sind. Auch bei der Polizei ist transformationale Führung ein Thema. Bei einer bewaffneten Geiselnahme ist aber weniger ein charismatischer, inspirierender Einsatzleiter gefragt, der seine Truppe zu innovativen Ideen anregt, sondern eine erfahrene Persönlichkeit, die ihr Team souverän durch den Einsatz führt.

Psychologische Theorien und Modelle in eine polizeikompatible Sprache zu übersetzen und auch mal Widerstand zu erfahren, ist sehr spannend und horizonterweiternd, und fordert mich glücklicherweise auch immer wieder heraus.

Weiterführende Informationen:

SRF-Beitrag mit der Kriminologin Henriette Haas zur Realität von Fernsehserien: https://www.srf.ch/sendungen/einstein/sherlock-holmes-columbo-monk-was-taugen-meisterdetektive


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