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Negativzinsen – Auf der Suche nach Schuldigen (2/2)

03. Mai 2017

Über die Beweggründe der Zentralbanken, die Negativzinsen einzuführen, wurde bereits berichtet. Wer denn eigentlich schuld ist an den Negativzinsen bzw. welche grundlegenden Entwicklungen hinter dem längerfristigen Abwärtstrend des Zinsniveaus stecken, erfahren Sie in diesem Post.

Geld mit Zinskurve nach unten 

Bewertung der Zinspolitik durch Taylor-Regel

Zur Bewertung der Zinspolitik der Zentralbanken gibt es verschiedene Indikatoren. Einer der bekanntesten ist dabei eine vom US-Ökonom John Taylor Anfang der 1990er-Jahre entwickelte Regel. Sie ist heute unter dem Namen „Taylor-Regel“ bekannt und ist in ihren Grundzügen eine relativ simpel gehaltene Formel: Übersteigen die aktuellen Wachstums- und Inflationsraten das Potenzialwachstum, vereinfacht der längerfristige Durchschnitt der BIP-Wachstumsrate, sowie das Inflationsziel, welches in der Regel bei rund 2 Prozent liegt, sollte die Notenbank den Leitzinssatz erhöhen – und umgekehrt. Nun sinkt in den allermeisten Industrienationen das Potenzialwachstum aufgrund einer alternden Bevölkerung, sinkendem Grenznutzen des Kapitals und rückläufigem Produktivitätswachstum seit Jahrzehnten.

Neben Potenzialwachstum auch Inflationsraten auf längerfristigem Rückgang

Auch die Inflationsraten befinden sich seit Anfang der 1980-Jahre mehrheitlich auf dem Rückgang. So spielt dabei ebenfalls die Alterung der Bevölkerung in den Industrienationen eine bedeutende Rolle, welche durch eine erhöhte Sparneigung der Haushalte das Angebot des zur Verfügung stehenden Kapitals erhöht. Übersteigt das erhöhte Angebot an Kapital die Nachfrage sinkt tendenziell der Preis für das Kapital, der Kapitalzins. Darüber hinaus wurde das Kapitalangebot in den letzten rund 20 Jahren zusätzlich durch die finanzielle Integration Chinas erhöht, einer Volkwirtschaft mit einer sehr hohen Sparquote.

Gleichgewichtszins während Finanzkrise erstmals negativ

Der Zinssatz, der die Wirtschaft gemäss der Taylor-Regel im Gleichgewicht hält, sinkt also schon seit Jahrzehnten, nicht erst seit der Finanzkrise. Die Finanzkrise stellt deshalb etwas Besonderes dar, weil sie den Zeitpunkt markiert, als die Taylor-Regel zum ersten Mal negative Gleichgewichtszinsraten angezeigt hat. In Folge der Wirtschaftskrise waren die aktuellen BIP-Wachstumsraten und die Inflationsrate derart unter das Inflationsziel beziehungsweise das langfristige Potenzialwachstum gefallen, dass gemäss Taylor-Regel deutlich negative Leitzinssätze angebracht gewesen wären, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln und inflationären Preisdruck zu erzeugen.

Unkonventionelle geldpolitische Massnahmen die logische Konsequenz

Nachdem die Leitzinsen im Zuge der Finanzkrise auf Null gesenkt worden waren und anstatt Negativzinsen einzuführen, lockerten die Zentralbanken, allen voran die amerikanische Federal Reserve, in einem ersten Schritt mit unkonventionellen Massnahmen die Geldpolitik weiter. Nachdem man unmittelbar in der Krise, den Finanzsektor mit verschiedenen Liquiditätsmassnahmen versorgt hatte, begann man mit dem Kauf von Staatsanleihen. So wurde auch eine Senkung der längerfristigen Kapitalmarktzinsen erreicht, welche sonst nur unter bedingtem Einfluss der Notenbanken stehen. Während die US-Wirtschaft sich seither erholen konnte, fiel die Eurozone 2012/13 erneut in eine Rezession. Die Einführung von Negativzinsen durch die verschiedenen europäischen Zentralbanken können daher als eine Reaktion auf einen sich persistent im negativen Bereich verharrenden Gleichgewichtszinssatz betrachtet werden.

Fazit

Wer also die Zentralbanken für das gegenwärtige Negativzinsumfeld verantwortlich machen will, sollte bedenken, dass sich der Gleichgewichtszins seit längerem auf einem Abwärtstrend befunden hat. In diesem langfristigen Zinsrückgang spielt die expansive Zentralbankpolitik als Reaktion auf die globale Finanzkrise eine untergeordnete Rolle. Stattdessen stehen zwei andere Entwicklungen, die erhöhte Sparneigung aufgrund der alternden Bevölkerung in der westlichen Welt und die finanzielle Integration Chinas, am Ursprung dieser Entwicklung. Gilt es Entscheide mit längerfristigen Auswirkungen zu fällen, sollte man sich daher nicht von den einzelnen Zentralbankentscheiden und deren gegenwärtig prominenten Position in der Medienberichterstattung ablenken lassen. Relevanter scheint dagegen, dass sich beide angesprochenen Entwicklungen in der Zukunft wahrscheinlich abschwächen werden oder sogar umkehren könnten. Längerfristig ist also auch wieder mit einem höheren Zinsniveau zu rechnen – ganz unabhängig davon, ob die amerikanische Zentralbank die Leitzinsen in diesem Jahr zwei- oder dreimal erhöht.

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