Accounting und Controlling

Experten-Interview: Wie praxisrelevant ist IFRS 9 (Teil 2/2)

07. November 2016

In dem ersten Teil "Experten-Interview: Wie praxisrelevant ist IFRS 9? (Teil 1/2)" wurden interessante Einblicke zu praxisrelevanten Themen rund um IFRS 9 - Finanzinstrumente gewährt. In einem zweiten Teil werden nun weitere spannende Fragen zu IFRS 9 gestellt und von Herrn Odermatt, Director im Financial Services bei Deloitte AG mit über mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Finanzdienstleistungsbranche, beantwortet.

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6. Was ist Ihrer Meinung nach das Hot Topic von IFRS 9?
Die Einführung eines erwarteten Verlustkonzeptes repräsentiert einen wichtigen Meilenstein und adressiert den Vorwurf ‚too little too late‘, der während und nach der Finanzkrise erhoben wurde. Das neue Wertminderungsmodell soll es ermöglichen, Rückstellungen zu einem früheren Zeitpunkt zu bilden und somit die Prozyklizität im Finanzsystem zu verringern. Rückstellungen für erwartete Verluste beinhalten sämtliche Finanzinstrumente, welche nicht direkt über die Gewinn- und Verlustrechnung bewertet werden (inklusive beispielsweise Darlehen, Obligationenanleihen, Kreditverpflichtungen und Finanzgarantien sowie Leasing Guthaben (IFRS 16) und vertragliche Guthaben (Receivables – IFRS 15)) und betreffen somit nicht nur Finanzinstitute. Für Banken ist der Implementierungsaufwand mit substantiellen Auswirkungen erheblich.

7. Wann werden diese Neuerungen anwendbar sein?
IFRS 9 ist zwingend für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 1. Januar 2018 beginnen, anzuwenden. Die Übergangsbestimmungen sind recht umfangreich und enthalten verschiedene Optionen.

8. Sehen Sie eine starke Praxisrelevanz? Wenn ja, warum?
Für die Finanzindustrie ist eine hohe Praxisrelevanz zu erwarten. Die Rückstellungspraxis für Kreditrisiken muss fundamental überarbeitet und angepasst werden. Die Verwendung von Modellen wird allerdings die Vergleichbarkeit von Finanzausweisen erschweren und es muss sich weisen, ob die Prozyklizität in der Erfolgsrechnung, wie von Regulatoren gewünscht, auch tatsächlich reduziert und nicht etwa erhöht wird.
Für Nicht-Banken dürfte die Vereinfachung des Hedge Accounting eine grosse Praxisrelevanz haben und höchst willkommen sein. Die Finanzberichterstattung wird sich näher an die ökonomischen Gegebenheiten anlehnen. Das neue Wertmindungsmodell für Finanzinstrumente kann aber auch für Nicht-Banken erhebliche Auswirkungen haben, wenn beispielsweise hohe Wertschriftenbestände (Liquidität) in der Bilanz vorhanden sind.

9. Welche (Schweizer) Unternehmen sind am stärksten betroffen?
IFRS 9 hat sicherlich die grössten Auswirkungen auf die Finanzindustrie – aber nicht nur. Die vereinfachten Hedge Accounting Anforderungen eröffnen vielen Unternehmen neue Gelegenheiten und werden helfen die Volatilität in der Erfolgsrechnung durch Hedge Aktivitäten zu verringern.

10. Wie sollten sich Unternehmen am besten darauf vorbereiten?
Eine erfolgreiche Einführung von IFRS 9 wird in den meisten Firmen eine Projektorganisation mit entsprechender Überwachung bedingen. Eine interdisziplinäre Projektorganisation sollte alle involvierten Bereiche wie beispielsweise: Finanzen, Risikokontrolle und IT mit einbeziehen. Eine GAP-Analyse hilft den Handlungsbedarf und mögliche Optionen zu identifizieren. Die Zeitplanung (Roadmap) sollte Machbarkeitsstudie, Design, Realisierung und Tests inklusive Parallelruns beinhalten.

11. Wo gibt es die grösste Abweichung zum US GAAP? Welche Auswirkungen könnte dies haben?

Die grösste Accounting-Differenz für Finanzinstrumente zwischen IFRS und US-GAAP betrifft sicherlich die Behandlung von erwarteten Verlusten. Unter IFRS 9 wird bei der originären Einbuchung (Tag1) einer Transaktion der erwartete Verlust innerhalb der nächsten 12 Monate wertberichtigt. Sobald eine signifikante Erhöhung des Kreditrisikos eintritt, wird der erwartete Verlust über die Restlaufzeit zurückgestellt. Unter US-GAAP (Topic 326) wird bereits bei der originären Einbuchung der Transaktion der erwartete Verlust über die Restlaufzeit zurückgestellt.

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Dieses Interview ist ein Auszug von der
a+c Fachkonferenz der Kalaidos Fachhochschule, an der Herr Odermatt zum Thema IFRS 9 – Finanzinstrumente „No time like the present“ im September 2016 referierte.  

 

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