HR und Leadership

Übergangscoaching: Identifizierung der Belastungen (Teil 2 / 2)

04. Juli 2016

Die Bedeutung der persönlichen Standortbestimmung in der Diagnosephase des Übergangscoachings habe ich bereits im ersten Teil meiner Blogserie erwähnt. Der zweite Teil ist nun der Identifizierung der individuellen Belastungen des/der Coachee(s) gewidmet. Dieser Identifizierungsprozess ist wie die persönliche Standortbestimmung Bestandteil der Diagnosephase und geschieht anhand einer Faktorenanalyse.

Theoretischer Hintergrund

In Anlehnung an das Übergangszyklus-Modell von Nicholson (vgl. Nicholson, 1990, S.97) dienen uns Übergangsfaktoren dazu, um die belastenden Elemente des Übergangs zu identifizieren. Tabelle 1 zeigt die Übergangsfaktoren, denen Nicholson je eine entsprechende Leitfrage zuordnet.

 Übergangsfaktoren im Übergangsprozess

Tabelle 1: Übergangsfaktoren in Anlehnung an Nicholson (vgl. Nicholson 1990, S.97)

 

Praxisbezug

Aufgrund eines Fragebogens zur Selbstbeurteilung (vgl. Nohl, 2011, S. 15 – 16) entsteht ein Netzprofil der Übergangsfaktoren (vgl. Abbildung 2). Das Netzprofil dient im Coaching als Instrument zur Exploration der möglichen Belastungen.

Netzprofil Übergangsfaktoren im Übergangscoaching

 Abbildung 2: Netzprofil der Übergangsfaktoren (eigene Darstellung)

  

Fallbeispiel

 

Zur Erinnerung: in meinem ersten Beitrag zu dieser Blog-Serieging es um eine Klientin, die sich in der Mitte des Übergangsprozesses befindet. Sie hat bereits einiges an Abschiedsarbeit hinter sich, da sie ihren Job vor einem halben Jahr gekündigt und anschliessend einen Sprachkurs in Amerika besucht hat. Nun ist sie zurück und hat sich beim RAV gemeldet und will sich ihrer beruflichen Neuorientierung widmen. Auf meine Frage, was ihr bei der Betrachtung von ihren Übergangsfaktoren auffällt, gibt die Klientin folgende Antworten:


  • Die Faktoren Ausmass und Bedeutsamkeit sind hoch und dies führt sie darauf zurück, dass sie sich stark mit ihrer Identität auseinandersetzt und die Arbeit für sie wichtig ist. Sie verrichtet Arbeit nicht nur um des Geldes wegen. Für sie ist es wichtig, einen Sinn hinter der Arbeit zu sehen und Freude an dieser zu haben.
  • Den Faktor Freiheiten nimmt sie als belastend wahr, weil sie sich aufgrund der Rahmenbedingungen vom RAV eingeschränkt fühlt z.B. durch Stellenzuweisungen.
  • Die Faktoren Antriebskraft und Erleichterung sind nicht belastend, da sie den Übergang selber ausgelöst hat und nicht von aussen gezwungen wurde. Zudem verfügt sie über ein gutes Beziehungsnetz, welches ihr Erleichterung verschafft.
  • Die Werte für die Faktoren Komplexität und Zusammenhänge weisen nicht auf Belastungen hin. Dies führt sie darauf zurück, dass sie bereits seit über einem Jahr im Laufbahncoaching an ihrem Übergang arbeitet und weiss, an welchen Themen sie wie zu arbeiten hat. Und in ihrem Erfahrungsschatz kann sie auf vergangene Übergangserfahrungen zurückblicken – sie hat schon ein paar Übergänge geschafft und wird auch diesen erfolgreich hinter sich bringen.
  • Die Geschwindigkeit und die Anpassung bewertet sie als harmlos, denn den aktuellen Übergang hat sie auf sich zukommen sehen und ist dementsprechend gut vorbereitet. Die Anpassungszeit in den Phasen ist auch gegeben, da sie bereits viel Abschiedsarbeit geleistet und die Übergangsphase nun am Laufen ist.

Anhand der Ergebnisse aus der Standortbestimmung (vgl. Teil dieser Blogserie) und den Übergangsfaktoren lassen sich berufliche Übergänge transparent abbilden. Das dritte Element in der Diagnosephase eines Übergangscoachings bildet die Ermittlung der Übergangskompetenzen (vgl. meinen Blogartikel vom 7. April 2014). Aufgrund dieser drei Diagnose-Ergebnisse erhalten wir eine umfassende und prozessbezogene Beschreibung des Übergangs. In der Folge lässt sich auf dieser Basis ein fundierter beraterischer Prozess aufbauen, um die Klienten sicher durch ihren Laufbahnübergang zu navigieren – auch wenn es manchmal stürmisch werden kann.

 

Quellen

 

Bridges, W. (1980). Transitions: Making sense of life's changes. New York: Perseus Books. Nohl, M. (2011). Übergangscoaching. Paderborn: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung.

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