Banking und Finance

Aktuelle Probleme der Geldpolitik lösbar

25. Juli 2016

Das anhaltend tiefe und teilweise auch negative Zinsniveau wird von den Vertretern dieser Art von Geldpolitik mit dem Ziel der Wirtschaftsankurbelung begründet. Basis für diese Begründung ist die Tatsache, dass sich Banken günstig Geld beschaffen können, welches sie dann wiederum in Form von Krediten an Private und Unternehmen in Umlauf bringen. Das soll zu einem Investitionsschub führen, der wiederum das Wirtschaftswachstum antreiben soll. Die Hauptexponenten dieser Art von Geldpolitik sind gemeinhin die Notenbanken: Allen voran die Fed, EZB und in der Schweiz die SNB. Sie bauen auf die traditionelle volkswirtschaftlichen Aufgabe von Banken, zu denen u. a. auch die Losgrössen- und Fristentransformation von Bareinlagen zählt.

Beinahe zeitgleich mit dem Beginn der Umsetzung dieser Geldpolitik führt der Regulator einige Neuerungen ein, die den Finanzmarkt in Bezug auf die Liquidität der Banken stark verändern. Liquidity Coverage Ratio (LCR), Net Stable Funding Ratio (NSFR) und Leverage Ratio (LeRa) sollen dafür sorgen, dass Banken selbst resistenter gegen Liquiditäts- und Finanzierungsrisiken werden.

Regulator stellt Banken strenge Liquiditätsanforderungen

Hierbei stellt die LCR sicher, dass kurzfristig (30 Kalendertage) genügend Liquidität vorhanden ist, um alle in diesem Zeitraum möglichen Geldabflüsse finanzieren zu können. Einfacher ausgedrückt: die Bank muss einem Bank Run 30 Tage lang standhalten können. Ihre Formel lautet: HQLA/Net-Cash_Outflow (HQLA: Hochqualitative liquide Anlagen (v. a. Staatsanleihen); Net_Cash_Outflow: Zu erwartender Mittelabfluss minus zu erwartender Mittelzufluss).

Die NSFR (Formel: ASF/RSF; ASF: Vorhandene stabile Finanzierung, v. a. hartes Kernkapital; RSF: benötigte stabile Finanzierung) bezweckt ähnliches für einen Zeitraum von einem Jahr. Die Leverage Ratio (Aktiva/Eigenkapital) soll dafür sorgen, dass sich die Bilanz einer Bank nicht unnötig mit schwer handzuhabenden Finanzprodukten aufbläht.

Die obigen Formeln zeigen bereits den intrinsischen Zusammenhang der drei Kennzahlen. Um die LCR zu erfüllen, müssen Banken mit hohen Kundeneinlagen (also vor allem Gross- und Retailbanken) möglichst viele hochqualitative liquide Anlagen halten, was wiederum die Aktivseite der Bilanz vergrössert und die Leverage Ratio unter Druck bringen kann. Die einzige Lösung um alle drei Kennzahlen stabil zu halten, ist ein möglichst hoher Anteil an hartem Kernkapital und/oder an Reserven bei gleichzeitig hohem Anteil an hochqualitativen, liquiden Anlagen.

Regulierung und Geldpolitik wirken gegeneinander

Trifft nun die aktuelle Geldpolitik auf die regulatorischen Anforderungen, ergibt sich folgendes Bild: Die Notenbank hält den Zins tief, damit die Banken günstig Geld aufnehmen und dieses dann mittels Fristen- und Losgrössentransformation an die Realwirtschaft weitergeben, von der es dann investiert wird. Die Banken nehmen selbst günstig Geld auf und investieren es jedoch selber in hochqualitative liquide Anlagen, um ihre LCR stabil zu halten. Falls der Anteil an hartem Kernkapital hoch genug ist um die NSFR und die LeRa stabil zu halten, werden Banken die günstige Geldaufnahme nur zögerlich tätigen, da sich dies in Zeiten von Negativzinsen nicht lohnt. Gleichzeitig sind die Banken in ihrer eigenen Investitionstätigkeit eingeschränkt, da das ihnen zur Verfügung stehende Eigenkapital und die Reserven gehalten werden müssen um die LCR, NSFR und LeRa halten resp. einhalten zu können. Dies jedoch wir den Return on Equity ebenfalls auf einem tiefen Niveau halten, was sich wiederum negativ auf den Aktienkurs der Bank auswirken kann.

Es zeigt sich also, dass die Geldpolitik der Notenbanken und die Politik der Regulatoren gegenseitig eine negative Korrelation aufweisen, welche vor allem erstere beinahe wirkungslos werden lässt. Betrachtet man dann noch den Sparkurs, also das Aufschieben von Investitionen, den z. B. die deutsche Politik verhängte, wird die ohnehin schon geringe Wirkung der Notenbankpolitik noch weiter geschmälert.

Es bieten sich nun folgende Lösungswege an:

  • Das tiefe/negative Zinsniveau ist anzuheben
  • Die Vorgabe für LCR und NSFR von mind. 100% ist zu senken
  • Der bisherige Kurs bleibt in der Hoffnung bestehen, die stark minimierte Wirkung der kombinierten Geld- und Sparpolitik werde über einen sehr langen Zeitraum ihre Wirkung entfalten. Der Fall der japanischen Notenbank, die dies nun bereits seit Mitte der 1990er tut zeigt allerdings, dass dieser Zeitraum in der Tat sehr lang sein kann.    
  • Aus aktuellem Anlass sei hier auch die Möglichkeit genannt, dass die Notenbanken, den Finanzdienstleistungssektor gänzlich aussen vor lassen können und direkt Kredite an Unternehmen vergeben können indem sie deren Anleihen aufkaufen (so die Idee der EZB). Hierzu sei angemerkt, dass dies nicht im Aufgabenkatalog einer Notenbank steht und im Prinzip das Eingeständnis der Wirkungslosigkeit der eigenen Geldpolitik ist, die bei diesem Ziel sonst ja auf die Mitwirkung der Banken angewiesen wäre.    

Keiner der obigen Lösungsvorschläge liegt in der Entscheidungshoheit von Banken oder anderen Finanzdienstleistern. Es ist allein die Politik und damit indirekt – und in der Schweiz direkt – das Volk, die hier etwas bewegen können.

 


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