Banking und Finance

Das „Measure-it-anyway“-Prinzip – wenn Risiken schwer zu messen sind

02. März 2016

 

I often say that […] when you cannot measure it, when you cannot express it in numbers, your knowledge is of a meagre and unsatisfactory kind. (Lord Kelvin)

Es gibt im Banking Risiken, wie z. B. das Reputationsrisiko, die schwer messbar sind. Messbar heisst im Zusammenhang mit Risiken, in Geldeinheiten quantifizierbar. Wieviel Geld kostet es, wieviel Geld steht auf dem Spiel? Nimmt man das Reputationsrisiko als Beispiel so liegt die Schwierigkeit darin, dass Reputation und der Aufbau der Selbigen schwer fassbar und entsprechende Ergebnisse auch schwer messbar sind.

And if you can't measure it, measure it anyway. (Frank Knight)

Das im obigen Zitat zu Tage tretende “Measure-it-anyway”-Prinzip findet aus oben genannten Gründen immer verbreiteter Anwendung. Am Beispiel der Operational Risk (OpRisk) soll hier kurz dargelegt werden, wie dabei vorgegangen wird und ob sich die Methode auch auf Risiken wie das Reputationsrisiko anwenden lässt.

OpRisk umfasst auch einige nicht so leicht quantifizierbaren Risiken, wie z. B. Legal Risk. Um OpRosk oder die durch Eigenmittel zu hinterlegende Grösse zu ermitteln, hat eine Bank die Wahl, zwischen drei Berechnungsarten. Zwei werden durch den Regulator vorgegeben Eine basiert auf Positionen der Erfolgsrechnung, die andere gewichtet Ergebnisse einzelner Geschäftseinheiten mittels eines fixen Risikogewichtungskoeffizienten. Die dritte Methode ist eine bankeigene Berechnung, welche sich an den gängigen Methoden der Risikomodellierung orientiert. Hierbei werden die Verluste aus den vergangenen Jahren der diversen von OpR tangierten Geschäftseinheiten aggregiert und in eine mathematische Verteilfunktion wie z. B. die Normal, Laplace- oder Student T-Verteilung umgewandelt.

Anschliessend werden die erhaltenen Daten mittels eines Mathematischen Zählalgorithmus, wie z. B. dem Poisson-Prozess, aggregiert. Hierbei geht es darum eine möglichst grosse Anzahl Daten zu produzieren. Die Berechnung des für das OpRisk zu hinterlegende Eigenkapitals erfolgt dann wiederum mittels mathematischer Verteilfunktionen, die auf eine Aggregation der durch den Zählalgorithmus erhaltenen Daten angewendet wird. Auf diese Daten wird ein sog. Konfidenzniveau gelegt und so der Geldwert des Risikos (Value @ Risk oder VaR) festgestellt. Die Annahme dahinter ist, dass sich die Risiken der Vergangenheit in die Zukunft projizieren lassen.

Perhaps it is only natural that the scientists tend to stress what we do know; but in the social field, where what we do not know is often so much more important, the effect of this tendency may be very misleading. (F. A. Hayek)

Auch wenn es Banken gibt, die ihr Reputationsrisiko ähnlich dem oben beschriebenen Prozess des OpRisk berechnen, sind betreffend dieses Vorgehen einige Fragen und Zweifel angebracht. Oftmals findet eine in der Messung des Reputationsrisikos eine Beschränkung auf Risiken statt, die mit dem Compliance Bereich verwandt sind und es werden (Trans-) Aktionen und Kundengeschäfte mittels einer „Compliance-Brille“ als reputationsgefährdend angesehen. Diese (Trans-)Aktionen werden analog dem OpRisk-Messmethoden entweder gewichtet oder mathematisch aggregiert, gezählt und in die Zukunft projiziert. Zunächst stellt sich hierbei die grundsätzliche Frage, ob es legitim ist Massnahmen für die Zukunft basierend auf Daten der Vergangenheit zu treffen? Selbst falls dem so wäre, stellt sich das Problem der Identifizierung von konkreten Verlustzahlen, die in direktem Zusammenhang mit dem Reputationsrisiko stehen und ob ein Compliance Standpunktmit Fokus auf (Trans-)Aktionen und Kundengeschäfte hierfür ausreichend ist?

Dazu wäre ein Ansatz nötig, der zwar ebenfalls eine Quantifizierung des Reputationsrisikos beinhaltet, diese Quantifizierung jedoch nicht an die Kapitalkosten knüpft, sondern sich auf die Ursachen des Risikos konzentriert. Gemäss Duden hat Reputation etwas mit Vertrauen und mit Wort halten, also mit Ethik und Moral, zu tun. In meinem Blogpost über Shareholder Value und Ethik habe ich eine solche Quantifizierung der Ethik eines Unternehmens im Sinne einer Matrix aus den diversen Ethiken der verschiedenen Anspruchsgruppen aufgezeigt. Eine solche Messung kann bereits an der Ursache potentieller Reputationsschäden ansetzen und durchaus Strategien aufzeigen um Risiken zu vermeiden. Hinzu kommt, dass hierbei auf die Annahme der Projektion auf die Zukunft ausser Acht gelassen werden kann.

Dass ein solches Vorgehen, wie es aus den Geistes- und Sozialwissenschaften bekannt ist, auch für ökonomische Bereiche als legitim erachtet werden darf, deutet F. A. Hayek an, wenn im weiter oben angeführten Zitat von der Ökonomie als einem „Social Field“ spricht.

 

 

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