HR und Leadership

Den Menschen in Veränderungsprozessen verstehen [MASTERARBEIT]

31. August 2015

Betriebliche Veränderungsvorhaben stehen und fallen mit den weichen Faktoren, sprich Change Managern wird geraten, einen grösseren Fokus auf die von der Veränderung betroffenen Menschen zu legen. Doch wie kann es einem Change Manager gelingen, den Menschen ins Zentrum zu rücken? Der vorliegende Beitrag, entstanden aus meiner Masterarbeit, zeigt, dass die Anwendung des Persönlichkeitsmodells Biostrukturanalyse, auch Structogram genannt, hilft, den Zugang zum Individuum herzustellen.

Zum Hintergrund

Veränderungen sind im betrieblichen Alltag allgegenwärtig. Die Tatsache, dass sich Forscher, Manager und Berater seit über drei Jahrzehnten mit dem Thema auseinandersetzen, zeigt, welche Komplexität das Thema umfasst. Trotzdem scheitern nach wie vor zwei von drei Veränderungen (Sirkin, Keenan und Jackson, 2005). Wir haben also noch keinen zuverlässigen Umgang mit Veränderungen gefunden.
Neuere Forschungen legen zudem nahe, dass Veränderungen nicht auf den harten Organisationskompetenzen wie Struktur- oder Prozessoptimierungen entschieden werden. Veränderungen sind vor allem dann erfolgreich, wenn konsequent auf die weichen Themen wie hohe Führungskompetenz, Veränderungsmanagement, Motivation der Mitarbeitenden und interne Kommunikation gesetzt wird. Um dies zu erreichen, wurde die Wirkung des Persönlichkeitsmodells Biostrukturanalyse untersucht.
Das Modell basiert auf den Hirnforschungen von Paul MacLean. Er konnte beweisen, dass das menschliche Gehirn aus drei Teilen besteht, welche einen unterschiedlichen Einfluss auf unsere Persönlichkeit haben: Stammhirn, Zwischenhirn und Grosshirn. Jedes dieser drei Gehirne hat sein eigenes Aufgabengebiet, doch sie ergänzen sich untereinander. Bei jedem Menschen agiert ein Gehirn dominant und formt und beeinflusst damit unsere Persönlichkeit massgeblich. Aus diesen Überlegungen entstand die Biostrukturanalyse mit drei Hauptausprägungen: Stammhirn-, Zwischenhirn- und Grosshirn-Dominanz.
Die Biostruktur eines Menschen gibt Aufschluss über seine individuellen Antriebe und damit auch über mögliche Ängste innerhalb einer Veränderung.

Die Erkenntnisse

Untersucht wurde, inwiefern die Biostrukturanalyse betriebliche Veränderungsprozesse unterstützen kann, welche Voraussetzungen nötig sind und wie eine konkrete Anwendung aussehen könnte.
In der Literatur werden drei Stossrichtungen als Erfolgspotentiale in betrieblichen Veränderungen genannt:

  • Einbezug der Mitarbeitenden
  • Emotionen in Veränderungsprozessen berücksichtigen
  • Stabilitätsanker gewähren

Um den Beitrag der Biostrukturanalyse hinsichtlich dieser Stossrichtungen empirisch zu untersuchen, wurden acht Vertreter Schweizer Dienstleistungsunternehmen interviewt. Alle acht Interviewpartner wendeten die Biostrukturanalyse in Veränderungsprozessen an.
Es zeigt sich, dass die Biostrukturanalyse in folgenden Bereichen gut unterstützt:
Die individuelle Ansprache der Mitarbeitenden in der Kommunikation und damit das Verstehen ihrer Bedürfnisse wird einfacher. Gespräche werden zielführender. Die Anwender können andere Sichtweisen einfacher zulassen und dadurch von den Ideen anderer profitieren. Es konnte starke Evidenz gefunden werden, dass auf Grundlage der Biostrukturanalyse zusammengestellte Projektgruppen erfolgreicher zusammenarbeiten, was einen effektiven Einbezug der Mitarbeitenden und somit einen Stabilitätsanker sicherstellt. Die Untersuchung konnte zeigen, dass mit Hilfe der Anwendung der Biostrukturanalyse Emotionen besser und gezielter angesprochen werden können. Die Akzeptanz der Betroffenen für Veränderungen ist aufgrund der gezielten Argumentation über die Biostruktur gestiegen. Neben diesen Aspekten hat die Anwendung der Biostrukturanalyse einen positiven Einfluss auf die Dauer der Veränderung, die Anwender fühlen sich erfolgreicher und Konflikte können vermindert werden.
Sieben von acht Interviewpartnern schätzten den Nutzen der Biostrukturanalyse in Veränderungsprozessen auf einer Skala von 1 bis 10 mit sieben oder höher ein.

Relevanz für die Praxis

Sobald bei Veränderungsprozessen der Mensch ins Zentrum gerückt wird, kommt es auf die Bedürfnisse und Ängste jedes einzelnen an. Der Change Manager braucht eine geeignete Landkarte, um diesen direkten Zugang zum Mitarbeitenden finden zu können. Die Biostrukturanalyse erlaubt es dem Change Manager herauszufinden, welche Kommunikation für welchen Mitarbeitenden die Passende ist. Er kann mit ihrer Hilfe individuelle Bedürfnisse und Ängste antizipieren und damit gezielter darauf eingehen. Zusammenfassend ausgedrückt, bewahrt die Anwendung der Biostrukturanalyse den Change Manager davor, von sich auf die anderen zu schliessen.
Damit die Anwendung funktionieren kann, empfehlen sich die folgenden Voraussetzungen:

  • fundierte und freiwillige Schulung*
  • Offenheit, etwas Neues zu lernen
  • strukturierte Anwendung (z. B. Integration in Projektunterlagen, auf Notizblöcken oder Aufnahme in Standardtraktanden bei Projektsitzungen) mit sichergestelltem regelmässigem Austausch
  • bewusstes Vermeiden einer Schubladisierung des Gegenübers.

*Schulungen werden von lizenzierten Trainern angeboten, siehe dafür Structogram.de.

Beitrag des Studiengangs

Im Rahmen des CAS Organisationsentwicklung und  -beratung wurde eine Vielzahl von Modellen rund um betriebliche Veränderungen behandelt. Dieses vermittelte Wissen bildete das Fundament für diese Masterarbeit.
Zudem unterstützten die systemischen Leitsätze, die das Studium begleiteten, den Gedanken hinter der verfassten Arbeit. Unter anderem fanden diese Erkenntnisse beim Aufsetzen des Interviewleitfadens Anwendung.
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Der Beitrag gründet auf der Masterarbeit von Denise Werder im Studiengang MAS FH in Leadership am Institut für Leadership und HR an der Kalaidos Fachhochschule.
Denise Werder gehört zu den 21 besten Absolventinnen und Absolventen, die im Rahmen des Kalaidos Hochschultages 2015 ausgezeichnet wurden.
Einen Einblick in den Kalaidos Hochschultag erhalten Sie im folgenden Video:

Falls Sie das Video nicht sehen können, klicken Sie hier.

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