Accounting und Controlling

MWST und kollektive Kapitalanlagen - dank Steuerausnahme kein Thema?!

04. Mai 2015

MWST-Fragen rund um kollektive Kapitalanlagen werden beherrscht durch die Steuerausnahme in Art. 21 Abs. 2 Ziff. 19 lit. f MWSTG. Danach unterliegen die Leistungen des Vertriebs inklusiver vertriebsnaher Handlungen und der Verwaltung dieser Anlageformen nicht der MWST. Sie sind von der MWST ausgenommen. Ebenso unterliegen die Anlagetätigkeiten der Kollektivanlagen nicht der MWST, solange es sich um Effektenfonds handelt. Die entsprechenden Erträge, wie Dividenden, Zinsen, Veräusserungserlöse, stellen Nicht-Entgelte oder ebenfalls von der MWST ausgenommene Umsätze dar. Lediglich Kollektivanlagen mit direktem Grundbesitz können von einer MWST-Pflicht betroffen sein, sofern ihre Umsätze steuerbar sind (z.B. Parkplatzvermietung) oder freiwillig der MWST unterstellt werden (Option). Folglich scheint für einen Grossteil der kollektiven Kapitalanlagen, nämlich die Effektenfonds, die MWST kein Thema zu sein. Denn weder ertrag- noch aufwandseitig ergeben sich auf den ersten Blick MWST-Effekte.

Dieser Eindruck täuscht. Ausgenommene Umsätze führen für den entsprechenden Rechtsträger zu einem Ausschluss vom Vorsteuerabzug. Diese Tatsache ist solange unproblematisch, wie die Eingangsleistungen ebenfalls von der MWST ausgenommen sind. Spätestens jedoch in dem Zeitpunkt, in dem die Fondsleitung, der Vertriebsträger oder die Depotbank weitere Aufgaben delegiert oder Dritte beizieht, stellt sich die Frage, ob für diese Delegation die Steuerausnahme greift. Falls nicht, lastet auf den entsprechenden Advisory Fees, Research Fees und ähnlichen Honoraren die MWST. Diese MWST ist beim Leistungsempfänger, der Fondsleitung, der Depotbank oder dem Vertriebsträger nicht als Vorsteuer abzugsfähig. Denn aufgrund ihrer eigenen von der MWST ausgenommenen Leistungen sind diese Funktionsträger nicht zum Vorsteuerabzug berechtigt. Auf den entsprechenden Aufwendungen lastet die MWST als Schattensteuer (taxe occulte) und wird damit aufwand- und renditewirksam. Eine verdeckte Überwälzung auf die nächste Wertschöpfungsstufe – hier die kollektive Kapitalanlage selbst – verlagert lediglich den Renditeeffekt. Interessanterweise entsteht dieser Effekt in einer reinen Holdingstruktur mit Investments in diversen Beteiligungen nicht. Denn das 2010 in Kraft getretene MWSTG gewährt ausdrücklich den Vorsteuerabzug im Rahmen der unternehmerischen Tätigkeit des Erwerbens, Haltens oder Veräusserns von Beteiligungen, auch wenn diese Transaktionen letztlich ebenfalls – wie bei den kollektiven Kapitalanlagen – zu von der MWST ausgenommenen Umsätzen führen.

Es gilt damit die Grenzen für den Anwendungsbereich der Steuerausnahme bei kollektiven Kapitalanlagen auszuloten. Ihr Anwendungsbereich ist jedoch teilweise nicht klar umrissen bzw. durch Systembrüche geprägt und steht stets in Konnex zu den Vorschriften des Bundesgesetzes über die kollektiven Anlagen (KAG). So muss zunächst geklärt werden, ob die betreffende Leistung an eine kollektive Kapitalanlage nach KAG erbracht wird. Die inländischen Kollektivanlagen sind durch das KAG klar definiert. Hierzu gehören die KGK, der vertragliche Anlagefonds, die SICAV und die SICAF. Jedoch fällt bereits gemäss Wortlaut der MWST-Ausnahmebestimmung die SICAF aus ihrem Anwendungsbereich heraus. In einem weiteren Schritt ist zu beurteilen, ob eine KAG-typische Verwaltungs- oder Vertriebsleistung vorliegt. Hieraus ergeben sich z.B. Abgrenzungsfragen, welche Anlageberatungstätigkeiten noch unter den Begriff der Verwaltung von Kollektivanlagen fallen. Bei den ausländischen Kollektivanlagen gestaltet sich ihre Identifikation komplizierter. Nach der ESTV-Verwaltungspraxis findet die Steuerausnahme nur für die genehmigungspflichtigen ausländischen Kollektivanlagen Anwendung, d.h. diejenigen Anlageformen die ihre Anteile in und von der Schweiz aus an nicht qualifizierte Anleger vertreiben. Hier gilt zudem die Steuerausnahme nur für die Vertriebstätigkeit, nicht hingegen für deren Verwaltung.

Aus den Abgrenzungsfragen treten bei Unkenntnis Risiken, bei Kenntnis Gestaltungspotential zutage. Sind der Umfang und die Art der auszulagernden bzw. delegierbaren Leistungen gestaltbar, kann auch die Belastung mit "taxe occulte" minimiert und damit die Rendite maximiert werden. Die Evaluation der MWST-Effekte ist und bleibt somit ein wichtiger Teil der steuerlichen Analyse von Fondstrukturen.

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Übrigens: Britta Rehfisch hat am SIST Frühlingsgespräch im März 2015 ein Kurzreferat zum Thema „MWST – für einmal einfach“ gehalten. Weitere Informationen und Impressionen finden Sie hier.

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