HR und Leadership

Mami entscheidet und Papi zahlt – wie der Berufswunsch junger Frauen beeinflusst wird

29. April 2015

Diese ketzerische Aussage verdeutlicht das, was wir in unserer Forschung zu Ausbildungs- und Berufsverläufen von jungen Frauen herausgefunden haben. Überspitzt gesagt: Ist die Mutter mit dem Berufswunsch der Tochter nicht einverstanden oder der Vater nicht gewillt für einen Ausbildung zu bezahlen, werden Wünsche oft „zerschlagen“.

Ergebnisse aus der Forschung:

In der Sozialisation sind insbesondere Eltern und Grosseltern im frühen Alter, gute Freunde, Lehrer und andere Vertraute, wie (Ehe-)Partner oder Lebensgefährten hingegen im späteren Lebensverlauf bedeutende Akteure und demnach signifikante Andere (Faltermeier 2001). Zudem gelten Institutionen wie Kindergarten und Schulen als bedeutende Orte der sozio-kulturellen Orientierung und der Identitätsfindung (Bourdieu und Passeron 1971). Sowohl die schulische Bildung, als auch die familiäre Sozialisation habitualisieren Kinder und Jugendliche in ihrem Wahrnehmen, Denken und Handeln (Kalthoff 2004). Wir gehen davon aus, dass sowohl die familiäre Sozialisation, aber auch Einflüsse von weiteren Akteuren ausserhalb der Familie entscheidend für geschlechtstypische beziehungsweise –untypische Verläufe sind. Für den Ausbildungs- und Berufsverlauf ist also einerseits entscheidend wer, andererseits aber auch wie sozialisiert wird. Insbesondere diejenigen Einflüsse, welche nicht entlang geschlechtsspezifischer Argumentationslinien verlaufen, könnten demnach für einen neutralen oder sogar geschlechtsuntypischen Ausbildungs- und Berufsverlauf fördernd sein.

Zusammenfassend zeigt sich im Datenmaterial, dass von den interviewten jungen Frauen (Total 13 Frauen mit Jahrgang 1983 – 1989) insgesamt vier Gruppen von signifikanten Anderen identifiziert werden konnten:

  • Eltern
  • LehrerInnen/LehrmeisterInnen/Vorgesetzte
  • FreundInnen
  • Heterogene Gruppe

In Bezug auf den Ausbildungs- und Berufsverlauf konnten die jungen Frauen zumeist klar benennen, wer für sie bedeutsam war und wie sie deren Einflüsse wahrgenommen haben. Die Einflüsse dieser Personen reichen von hinnehmend, fördernd, blockierend, aber auch beratend. Die vier beschriebenen Arten von Einflüssen gelten als Idealtypen - Mischformen sind oft vorzufinden. Der konkrete Einfluss dieser signifikanten Anderen verändert sich im Laufe des Alters und beruflicher Partizipation der jungen Frauen. Die Wirkung entfaltet sich auch oft auf mehreren Ebenen (individuell, institutionell, geschlechternormativ) gleichzeitig und teilweise in entgegengesetzter Richtung. Während sich beispielsweise Eltern gegen eine (untypische) Ausbildung der Tochter aussprechen und somit als blockierende bezeichnet werden können, fördern LehrerInnen diese Frauen in Richtung weiterführende Schule. Der Einfluss der Eltern ist insbesondere in jungen Jahren sehr ausgeprägt. Auch zeigen sich hier bereits in sehr jungen Jahren die Auswirkungen einer geschlechtstypischen Sozialisation. Dies wird von allem anhand der genannten Wunschberufe deutlich.

Die Wunschberufe orientieren sich auffallend oft an weiblichen Lehrpersonen oder anderen weiblich geprägten Berufe, welche mit Vorstellungen von mütterlicher Versorgung in Zusammenhang gebracht werden. Eine Vorbildfunktion und Idealisierung insbesondere von Kindergarten- und Primarlehrerinnen verstärken diese Geschlechtersegregation zusätzlich. Insbesondere Mütter neigen dazu, ihren Töchtern, aufgrund ihrer eigenen beruflichen Partizipation, geschlechtstypische Ausbildungen und Berufe zu empfehlen. Dieses Resultat könnte zum Schluss führen, dass insbesondere Mütter geschlechtstypische Verläufe fördern. Ergibt sich im Laufe des Ausbildungs- und Berufsverlaufes ein stärkerer Bezug zu weiteren signifikanten Anderen, wie LehrerInnen, LehrmeisterInnen oder Vorgesetzte, wird eine weniger ausgeprägte geschlechtsspezifische Sozialisation deutlich. Damit könnte verdeutlicht werden, dass geschlechtsspezifische Zuweisungen im späteren Verlauf weniger personenabhängig sind, sondern eher strukturell, von Institutionen vorgegeben werden und prägend auf den weiteren Ausbildungs- und Berufsverlauf von jungen Frauen wirken. Je früher die jungen Frauen demnach in den Einfluss weiterer signifikanter Anderer kommen, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass neutrale oder sogar geschlechtsuntypische Ausbildungs- und Berufsverläufe gewählt werden.

Das Datenmaterial macht weiter deutlich, dass eine Überschreitung von geschlechtstypischen Grenzen und das Erreichen einer Geschlechtsparität in vielen Berufen nur unter bestimmten Voraussetzungen erreicht werden kann. Als entscheidend für eine potenzielle Überwindung erachten wir (siehe Zwischen Wunsch und Realität: Ausbildungs- und Berufsverläufe von jungen Frauen, Evéline Huber, Manfred Max Bergmann),

a) den Einfluss der von signifikanten Anderen: Lehnen die signifikanten Anderen, insbesondere die Eltern, die Wahl eine geschlechtsuntypischen Berufes ab, erscheint eine Einmündung in einen solchen als eher schwieriger. Ein fördernder und beratender Einfluss der signifikanten Anderen kann jedoch für die Einmündung in einen zumindest neutralen oder aber auch für die Wahl eines geschlechtsuntypischen Berufes förderlich sein.

Weiter empfiehlt es sich

b) die berufliche Orientierung der jungen Frauen bereits früh in der Schule zu thematisieren, da die jungen Frauen, aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation oft davon ausgehen, dass sie sich in einem frauentypischen Beruf besonders passend fühlen werden. Von Seiten der LehrerInnen könnte insbesondere auf die geschlechtsuntypische Berufswahl aufmerksam gemacht werden.

Literatur

  • Bourdieu, P. & Passerson, J. - C. (1971). Die Illusion der Chancengleichheit : Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs. Stuttgart: Klett.
  • Faltermeier, J. (2001). Verwirkte Elternschaft? Fremdunterbringung – Herkunftseltern - neue Handlungsansätze. Münster: Votum Verlag.
  • Kalthoff, H. (2004). Schule als Performanz. Anmerkungen zum Verhältnis von neuer Bildungsforschung und der Soziologie Pierre Bourdieus. In S. Engler & B. Krais (Hrsg.). Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen (S. 115-140). München: Juventa.
  • Huber, Evéline; Bergman, Manfred Max (2013). Zwischen Wunsch und Realität: Ausbildungs- und Berufsverläufe von jungen Frauen. Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 35 (1) 2013, S. 181 – 199)

Verwandte Artikel