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Interview mit Jürgen Junker: Kurs halten im Konflikt! Erfahrungen aus der Seminarpraxis

02. März 2015

Juergen_JunkerDie Nachrichten zeigen uns täglich ungelöste Konflikte, manche schwelend, andere offen mit Wort und Tat ausgetragen. Streitigkeiten und Auseinandersetzungen sind aber auch weit weg von internationalen Krisenherden Teil des Lebens. Egal wie friedliebend, schüchtern oder beschäftigt wir sind, müssen wir uns ihnen zur Wahrung unserer beruflichen und privaten Interessen stellen. Möglichst ohne dabei Schiffbruch zu erleiden.
Konfliktexperte Jürgen Junker befasst sich u. a. im Rahmen von Lehraufträgen in der Polizistenausbildung vertieft mit den Themen Konfliktmanagement, Umgang mit Ärger und Aggression, Widerstand, Eskalation und Konfliktlösung. Der Diplom-Psychologe besitzt mehr als 20 Jahre Erfahrung als Seminarleiter und diverse Lehraufträge an deutschen sowie Schweizer Hochschulen. Seit 1996 bietet er bei MTO-Consulting insbesondere Seminare zum Thema Durchsetzungskraft + Konfliktmanagement an. Im folgenden Interview berichtet er über die Seminarpraxis und darüber, wie sich Kurs halten lässt auf wilden Gewässern.

Mit welchen Anliegen kommt man zum Konfliktexperten?

In vielen Unternehmen sind Konflikte durch die Struktur der Organisation und Verantwortungsbereiche vorprogrammiert. Typischerweise entstehen sie an den Schnittstellen: etwa zwischen Marketing und Vertrieb, zwischen Vertrieb und Produktion, zwischen Konstruktion und Produktion oder an entsprechenden Substrukturen grösserer Abteilungen z. B. IT-Entwicklung vs. IT-Test. Es liegt aber nicht nur an den Prozessen und Strukturen, sondern auch an der zwischenmenschlichen Ebene. Stimmt die Chemie, dann laufen auch Strukturkonflikte lösungsorientierter ab. Gab es jedoch unangenehme Erlebnisse, Reibereien, Rivalitäten oder gar persönlich Animositäten, entsteht schnell eine explosive Mischung.
Häufige Anliegen sind dementsprechend: besser Umgehen mit Widerstand von Schnittstellen, mehr Erreichen bei Auseinandersetzungen, weniger nett sein, mehr die eigenen Anliegen bzw. die der eigenen Abteilung durchbringen und lösungsorientiert mit Widerstand umzugehen. Oft steht auch der Umgang mit schwierigen Kollegen bzw. Vorgesetzten, zwischen Konfliktparteien zu vermitteln, Konflikte auszuhalten sowie der Umgang mit Claims und „überzogenen Forderungen“ oben auf der Liste. Gesucht werden eher konkrete Werkzeuge für Konfliktbewältigung statt theoretische Analysen. Die Teilnehmer/innen wollen eigenes Konfliktverhalten verstehen und eigene Interessen adäquat vertreten, verschiedene Arten der Konfliktbewältigung (von soft bis hart) erlernen und diese angemessen umsetzen. Und relativ oft geht es um den Umgang mit persönlichen/unsachlichen Angriffen, Blockaden bzw. Widerstand.

Wo bestehen aus Deiner Erfahrung die grössten Unsicherheiten bei Konflikten?

Die Frage, wie kann ich mein „gutes Verhältnis“ zum Gegenüber aufrechterhalten und mich zugleich adäquat im Konflikt durchsetzen. Was ist zu hart, was zu weich und nachgiebig? Kann, darf ich das überhaupt gegenüber Herrn X oder Frau Y, die evtl. hierarchisch höher positioniert sind. Wichtig ist hier sich eine Bandbreite an Ansätzen und Werkzeugen für den unmittelbaren Umgang mit Konflikten zuzulegen, die für Hierarchie, Kunden und sehr diplomatische Situationen passen, aber auch bei „wildem Wasser“ helfen, sich nicht vom Kurs abdrängen zu lassen.

Was hast Du persönlich als letztes zum Thema Konflikt gelernt?

Nachdem ich vor ein paar Jahren angefangen habe Wildwasser zu paddeln, sind mir ein paar interessante Analogien zum Konfliktmanagement aufgefallen. Agiere ich zu soft und mit zu geringer Kraft, macht der Fluss mich zum Spielball und recht schnell ist der Kopf unter Wasser. Mit den nötigen durchaus auch kräftigen Impulsen bleibt ein Boot auf Kurs, insbesondere, wenn ich „Kante zeige“ – das Boot wird dadurch je nach Strömungen stabilisiert. Bei Auseinandersetzungen gilt es gleichfalls Kante zu zeigen. Zeige ich allerdings zu viel Kante, kippt das Ganze und der Konflikt eskaliert. Im Wildwasser wäre auch hier der Kopf unter Wasser. Die Eskimorolle hilft wieder nach oben zu kommen ohne auszusteigen, auch hier gibt es Parallelen beim Umgang mit Konflikten. Im richtigen Zusammenspiel von Gestik, Körperhaltung, Wortwahl und Tonfall stabilisiert sich manch unruhige Situation.

Was ist Dein persönlicher Tipp?

Am wirksamsten ist es meiner Erfahrung nach sowohl für sich selbst als auch für das Gegenüber eine deutliche Vorwärtsbewegung auf die jeweiligen Ziele hin zu ermöglichen. Es gilt dabei die eigenen Ziele mit den dahinter liegenden Interessen klar im Blick zu behalten, dabei Verständnis für die Gegenseite aufzubauen und zum Ausdruck zu bringen ohne aber in vorschnelle Zugeständnisse zu rutschen.
Interessant finde ich auch die Reaktion vieler Konfliktbeteiligter auf die Aufforderung „Fragen Sie mich doch, was gibt´s für eine Lösung“. In aller Regel reagiert das Gegenüber in etwa mit „Was soll es denn da schon für eine Lösung geben?“. Sollte einem diese Reaktion begegnen, empfehle ich

  1. kurz die Anliegen des Gegenübers zusammenzufassen „Ihnen geht es um…..“,
  2. danach die eigenen Anliegen „Mir geht es um…“,
  3. und schliesslich einen Vermittlungsvorschlag „eine mögliche Lösung könnte sein….“ vorzutragen.

Dieses Vorgehen, das ähnlich auch aus dem Harvard-Konzept bekannt ist, ermöglicht beiden Seiten eine Vorwärtsbewegung auf die eigenen Ziele.

Wie stehen die Chancen zur Konfliktlösung verfahrener Situationen?

Ganz oft mache ich die Erfahrung, dass die Konfliktparteien gar nicht so grundverschieden sind, wie es erst mal scheint. Ich erinnere mich noch gut an einen Konfliktmanagementworkshop für Berufsfeuerwehrleute. Es gab zwischen den einzelnen Teams eine ganze Reihe von Unzufriedenheiten, eine ungute Grundstimmung und Konflikte vor allem in Zeiträumen mit wenigen Einsätzen. Auf die Aufforderung, dass jedes Team bestehende Probleme und negativen Seiten des anderen Teams auf einem Flipchart festhalten sollte, reagierten die Teams mit zwei Listen, die sie unabhängig voneinander entwickelten. Beim Umdrehen der Flipcharts im Plenum blickten die Beteiligten leicht ungläubig: auf beiden Flipcharts standen in identischer Reihenfolge die gleichen Themen. Nach einem Moment der Verblüffung entwickelte sich eine konstruktive Diskussion.
Wir danken Jürgen Junker für das Interview.

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