HR und Leadership

Sie sind nicht Ihr Job – Wege aus der Identitätsfalle

19. Dezember 2014

Der CEO eines weltbekannten globalen Industriekonzerns wurde kürzlich gefragt, wie er es schaffe, alles unter einen Hut zu bringen und dabei auch noch gesund zu bleiben… als  CEO eines riesigen Unternehmens mit einer solch grossen Verantwortung und gleichzeitig Vater, Partner und Privatperson. Seine Antwort war: „Von Montagmorgen bis Freitagabend bin ich 100 % und mehr für mein Unternehmen da und setzte mich voll und ganz dafür ein. Am Samstag und Sonntag bin ich für mich und meine Familie da und nur für ganz wenige Personen in äusserst dringenden Fällen erreichbar. Das halte ich konsequent ein.“
Für viele Menschen sieht die Realität jedoch anders aus: in einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zusehends verschwinden, wird der Umgang damit zu einer immer grösseren Herausforderung. Wer hier seine unterschiedlichen Rollen nicht klar trennen kann, wird auch eine zeitliche Abgrenzung nicht umsetzen können.
Ein Unternehmen gleicht in gewisser Hinsicht einem Theater, in dem der Intendant (Geschäftsführer) entscheidet, welche Schauspieler (Angestellte) an welchen Theaterstücken (Projekten) mitwirken. Die Verteilung der Rollen (Arbeit) übernimmt der Regisseur (Abteilungsleiter etc.). Der Schauspieler wird dafür bezahlt, eine definierte Rolle nach einem definierten Drehbuch zu spielen. Dabei geben manche Regisseure mehr Freiraum als andere und bestimmte Schauspieler sind besser für gewisse Rollen geeignet, als andere. Genauso ist es in der Arbeitswelt.
Der Schauspieler schlüpft körperlich und mental in seine Rolle. Und dann gilt: sobald der Vorhang aufgeht, ist Showtime und er spielt seine Rolle – zu 100%, mit Leidenschaft und Authentizität! Dafür wird er bezahlt. Gelingt ihm das nicht, wird er kaum mehr für künftige Rollen engagiert werden.
Das Gleiche gilt im Berufsleben: auch wir werden in gewissem Sinne dafür bezahlt, unsere Rolle zu spielen. Sei es als CEO oder Teamleiterin, Servicemitarbeiter, Verkäufer, Account Manager, Pilot, Sachbearbeiter oder Politikerin. Wenn der Vorhang aufgeht, stehen wir auf der Bühne und es ist Showtime! Dem haben wir beim Unterzeichnen des Vertrags zugestimmt – dem Spiel, der Rolle und den Spielregeln.
Im Idealfall entspricht unsere berufliche Rolle natürlich maximal unserer Persönlichkeit, unseren Kompetenzen, Stärken und Schwächen, und erlaubt uns, unser ganzes Potenzial und unsere Leidenschaft einzubringen. Es macht deshalb Sinn, sich eine Rolle zu suchen, in die man mit allem, was man mitbringt, möglichst gut hineinpasst. Das führt im besten Fall dazu, dass man täglich aufstehen darf, um das zu tun, was man gut und gerne tut und damit auch noch einen Beitrag zu einem grösseren Ganzen leistet.
Je weiter entfernt die Rolle von all diesen Aspekten ist, desto mehr Anpassung verlangt sie von uns und desto grösser sind das Stresspotenzial und das Risiko für Burnout. Wenn wir uns die ganze Zeit verbiegen müssen, um den Anforderungen der Rolle zu genügen und wenn unsere Arbeit für uns dazu auch noch wenig sinnvoll ist, so werden wir über kurz oder lang unzufrieden. Es sei denn, wir erkennen, dass wir immer eine Wahl haben, unserer Rolle selbst einen Sinn geben und uns auf dieser Basis täglich neu dafür entscheiden können.
Je mehr wir uns selbst über die Rolle definieren und unsere Identität daraus beziehen, desto grösser ist das Risiko, nach einer Kündigung den Boden unter den Füssen zu verlieren und in ein Loch zu fallen. Denn wer sind wir dann noch? Ein Phänomen, dem ich häufig bei Klienten begegne, die sich beruflich neu orientieren müssen. Je höher die alte Rolle hierarchisch eingestuft war, desto stärker ist in der Regel dieser Effekt. Die Stars der Unterhaltungsindustrie liefern dafür die besten Beispiele.
Es ist deshalb enorm wichtig, dass wir wissen, wer wir ausserhalb unserer Rolle sind und unsere Identität nicht von ihr abhängig machen. Bewusst in unsere Rolle hinein zu gehen bedeutet auch, darin als Person weniger angreifbar und verletzlich zu sein. Wenn mich der verärgerte Kunde am Telefon anschreit und mir bewusst ist, dass nicht ich als Person, sondern meine Rolle gemeint ist und dass diese von mir verlangt, damit professionell umzugehen, gelingt mir dies viel besser und belastet mich als Mensch weniger nachhaltig.
Das gilt genauso für die Zusammenarbeit in Teams und deren Führung. Je klarer die verschiedenen Rollen im Team definiert sind und je bewusster diese gelebt werden, desto reibungsloser und effektiver wird die Zusammenarbeit. Ein Vorgesetzter kann zudem an Akzeptanz und Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn er sich jederzeit seiner Rolle bewusst ist und dies auch transparent kommuniziert.
Fazit: Wenn wir unsere Zufriedenheit und unsere Gesundheit erhalten und  Führung und Zusammenarbeit effektiver gestalten wollen, ist ein bewusster Umgang mit unseren Rollen und unserer Identität entscheidend. Je mehr uns bewusst ist, dass „wir nicht unser Job sind“ und je bewusster wir in unsere Rollen hinein und wieder aus ihnen hinaus gehen, desto geringer sind unser Stresspotenzial und Burnout-Risiko, desto effektiver und reibungsloser funktioniert unsere Zusammenarbeit und desto mehr können wir unser Leben auch geniessen.
Dieser Post ist ebenfalls erschienen auf Gelmi-Consulting.com

Verwandte Artikel