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Mediation: Alle reden davon, aber wie läuft das eigentlich ab?

01. Dezember 2014

Kennen Sie zufällig Max und Anna? Sie leben in der Nachbarschaft und eignen sich prima, um Mediation zu erklären. Ich habe Sie bei Kurt Faller in meiner Mediationsausbildung damals kennengelernt. Seitdem sind wir „gute Freunde“ geworden:

Max und Anna sind Geschwister. Max ist ein Lebenskünstler, der gern mit seinem umgebauten VW-Bus durch Europa reist. Bei einer dieser Reisen hat er irgendwo in Südfrankreich am Strassenrand ein ausgemustertes Sofa gesehen. Er erkannte gleich, dass es zwar in einem bedauerlichen Zustand, aber doch ein sehr schönes Teil ist. Den Rest der Ferien hat er das Sofa auf dem Dach seines Busses transportiert und schliesslich mit nach Hause gebracht.

Anna, Max Schwester, ist von Beruf Dekorateurin. Sie hat gleich erkannt, welches Potenzial das Sofa hat, das Max aus Frankreich mitbrachte. Allerdings war sie lange unsicher, ob es noch zu retten ist, denn der Zustand war katastrophal.

In monatelanger Freizeitarbeit hat sie es Stück für Stück restauriert und ihm zu neuem Glanz verholfen. Es wurde gerade pünktlich zum 65sten Geburtstag der Mutter fertig und die beiden Geschwister haben es der Mutter gemeinsam geschenkt. Seitdem hatte es einen Ehrenplatz in der Wohnung und man hat manche glückliche Stunde darauf gemeinsam verbracht.

Leider ist die Mutter vor einiger Zeit gestorben und man musste das Erbe aufteilen. Das ging auch im Grossen und Ganzen gut, bis man zum Sofa kam.

Max war der Ansicht, dass es ihm gehört, weil er es schliesslich gefunden und den weiten Weg mit nach Hause gebracht hat. Anna war der Meinung, dass es ihr gehört, weil sie unzählige Stunden daran gearbeitet und auch Geld für das Material hineingesteckt hat.

Soweit zur Ausgangssituation:

Was kann man nun tun? Müssten Sie einen Richterspruch fällen, dann wäre denkbar, dass Max das Sofa bekommt oder Anna oder dass es verkauft wird. Oder es würde geteilt. Vielleicht nicht gerade in der Mitte, sondern in geraden Jahren bei Max in ungeraden Jahren bei Anna. Und vielleicht sind ja alle Parteien damit zufrieden. Wenn ja, dann ist es gut und man braucht keine Mediation.

Was aber wenn nicht? Vielleicht hat Max zugestimmt, dass Anna das Sofa bekommt, weil er gerade Geld brauchte. Oder Anna hat zugestimmt, dass das Sofa verkauft wird, weil sie damit den dringend notwendigen Ausbau ihrer Werkstatt bezahlen will oder ihren Ex-Mann auszahlen muss? In solchen Fällen leidet die Beziehung, in unserem Fall zwischen Max und Anna, erheblich. Vielleicht gehen die Kinder von Anna nun nicht mehr zu Besuch zu Onkel Max. Und vielleicht feiert man auch die nächsten Weihnachten nicht mehr gemeinsam.

Und das ist genau das Stichwort. Wenn die Beziehung zwischen den Parteien eine Rolle spielt und vermutlich noch weitere Aspekte zum Vorschein kommen, dann lohnt es sich, nicht auf die schnelle Lösung zu setzen, sondern zu überlegen, was in diesem Zusammenhang noch eine Rolle spielt.

Vielleicht, dass Anna bereits den Schmuck der Mutter erhalten hat und Max in dieser Beziehung sehr grosszügig war und nun nicht verstehen kann, wieso seine Schwester bei dem Sofa so kleinlich genau ihre Arbeitsstunden vergütet haben möchte. Wenn sie sich anwaltlich beraten lassen, würden sie erfahren, dass rein rechtlich das Sofa Max gehört, weil er es gefunden hat.

Zurück zum Fall:

Max und Anna entschliessen sich zu einer Mediation, weil sie eine Lösung erarbeiten wollen, die für beide stimmt. Gleichzeitig merken sie, dass sie das allein nicht schaffen. Sie verlieren sich schnell in Vorwürfen und die gut gemeinten Ratschläge der Verwandtschaft helfen auch nicht weiter. Anna ruft also eine Mediatorin an, die sie im Verzeichnis des Berufsverbands gefunden hat. Nach einer kurzen Schilderung der Situation erfährt sie, wie eine Mediation abläuft. Das klingt vielversprechend. Sie stimmt mit ihrem Bruder einen Termin ab und dann erscheinen beide zur vereinbarten Zeit bei der Mediatorin.

Wie läuft eine Mediation ab?

Eine Mediation ist ein strukturiertes Verfahren, bei dem die aneinandergeratenen Personen ihre Problemsicht in fünf Schritten (siehe Abbildung: Die Phasen der Mediation)schildern. Sie nennen die Themen, die zu besprechen sind und diskutieren diese dann nach und nach. Durch das Beleuchten der Themen aus den verschiedenen individuellen Blickrichtungen öffnet sich der Tunnelblick wieder und ein Aufeinanderzugehen wird möglich. So entsteht die Basis, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.

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vgl. Die Phasen der Mediation. Centrale für Mediation und SDM Schweizer Dachverband Mediation

In unserem Beispiel erfährt Anna von Max, dass er Geld braucht, um seinen VW- Bus instand zu setzen. Das war vielleicht nicht neu. Darüber hinaus hört sie auch, dass es ihm wichtig ist, dass es neben der ganzen Arbeit, die Anna investiert hat, auch gewürdigt wird, dass er das Sofa entdeckt hat und dass es eine Strapaze war, es all die Kilometer mit sich zu schleppen und dass es rein rechtlich, ihm gehören würde.

Max erfährt von Anna, dass sie gern die Werkstatträume kaufen würde, weil sie sonst befürchtet, sie langfristig nicht mehr mieten zu können.

Beide erinnern sich, dass sie schöne Feste gefeiert haben, zu Weihnachten und an den Geburtstagen der Mutter und dass es sehr schade wäre, wenn das in Zukunft nicht mehr der Fall wäre. Sie merken, dass es Ihnen wichtig ist, eine Lösung zu erarbeiten, die es in Zukunft auch noch möglich macht, gemeinsam unbeschwerte Stunden zu erleben und dass der Streit keinen Keil in die Familie treiben soll. Sie merken auch, dass es Ihnen wichtig ist, dass das Sofa in der Familie bleibt und dass niemand Fremder das Sofa haben soll.

Durch das Hören und Verstehen der Interessen der anderen entsteht ein Perspektivenwechsel. Das heisst, dass ich verstehen kann, wie die Situation für den anderen ist, ohne, dass ich dem unbedingt zustimmen muss. Verstehen heisst nicht, einverstanden sein. Wenn der Perspektivenwechsel vollzogen ist, ist der Weg frei, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.

Wie genau sich Max und Anna einigen, überlasse ich gern ihrer Phantasie. Mein persönlicher Favorit ist, dass es im Chalet des Onkels einen schönen Platz findet und man im Winter die Skiferien dort gemeinsam verbringt. Der Onkel ist bereit, eine schöne Summe dafür zu bezahlen, weil ihm das Glück seiner Nichte und seines Neffen auch am Herzen liegt. Dafür erhält der Onkel noch das Porträt der Oma, das Max erhalten hatte, mit dem er aber nichts anfangen konnte.

Wie Sie merken, sind Mediationslösungen in der Verhandlungsphase aufwendiger als schnelle Kompromisse. Gleichzeitig sind die Lösungen tragfähiger und oft auch kreativer, als Entgegenkommen in der Mitte. Denn wenn man weg kommt von der Schwarz-Weiss-Lösung, ist die Verteilung des Sofas kein Nullsummenspiel, bei dem der eine das gewinnt, was der andere aufgibt. Win-Win-Lösungen ermöglichen es, beide Parteien zufrieden zu stellen und das ist sicherlich befriedigender, als sein Recht auf dem Rechtsweg durchzusetzen.

Dieser Post ist auch erschienen auf change-works.ch

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