Banking und Finance

Asset Management 2020: Regulierung als strategische Kerndisziplin für Finanzunternehmen und Finanzplätze Teil 4a/6

22. Dezember 2014

Historisch wurde das Thema Regulierung bei Finanzintermediären mehrheitlich Spezialisten im Compliance-Bereich oder anderen internen Infrastrukturfunktionen zugeordnet. In den letzten Jahren wurde die Thematik – jedenfalls bei international tätigen Finanzunternehmen­ – zu einer strategischen Kerndimension, für die die obersten Leitungsorgane verantwortlich sind.

Dies, da in einer zunehmend vernetzten Welt Non-Compliance keine valide Option mehr darstellt: Der stetig steigende Informationsaustausch und die daraus resultierende, erhöhte Transparenz ebnen den Weg, um Verhaltensregeln für Regulatoren und Kunden effektiv durchzusetzen. Daraus ergibt sich ein Bedürfnis, die relevanten Prozesse stringent und gesamtkonzeptionell zu strukturieren, zu implementieren, überwachen, dokumentieren und laufend zu überprüfen. Dies bedingt, die Prozesse regelmässig innerhalb von Systemen zu automatisieren, zunehmend interdisziplinäre Fähigkeiten auszubilden und die Prozesse nachhaltig in die Gesamtorganisation, ihre Dienstleistungen und ihre Produkte zu übertragen.

Regulierung nimmt massiven Einfluss auf Geschäftsmodelle

Die fortlaufende faktische Konvergenz der aufsichts- und steuerrechtlichen Rahmenvorgaben, die gleichzeitig berücksichtigt werden müssen, vervielfacht die Komplexität und Ressourcenintensität dieser Herausforderung. Die dabei oft konzeptionell erheblich divergierenden Systematiken und Anforderungen in den verschiedenen Ländern der Welt erhöhen die Anforderungen für Finanzintermediäre zusätzlich, da diese in mehr als einer Jurisdiktion tätig sind oder Kunden mit Sitz ausserhalb des eigenen Heimatlandes bedienen. Zusätzlich erhöht sich die Kadenz der Taktgeber der internationalen Regulierungsagenda (siehe Grafik 1) laufend. Insbesondere die zunehmende faktische Fokussierung auf das Kundendomizil als Hauptanknüpfungskriterium für die Bestimmung der anwendbaren Regeln im Finanzdienstleistungsbereich führt dazu, dass über lange Jahre etablierte und praktizierte Geschäftsmodelle, die vielfach vom Abstellen auf spezifische, nationale Sonderregelungen getragen waren, ihre Gültigkeit verlieren. Vor diesem Hintergrund muss Regulierung als strategische Dimension verstanden werden: Sie macht erforderlich, dass Recht mit Geschäft verbunden wird. Entsprechend muss sie holistisch betrachtet und interdisziplinär behandelt werden, um zugleich Compliance wie auch kompetitive Effizienz zu gewährleisten – von der ersten Interpretation neuer Regulierungsvorhaben bis zum Design neuer Produkte und Dienstleistungen sowie von den dahinterstehenden Prozessen bis zur Umsetzung an der Kundenfront. [1]

Abbildung 1: Komplexität, Interdependenz und Kadenz der internationalen Regulierungsagenda steigen laufend. Quelle: PwC/strategy

Was auf Ebene des einzelnen Finanzunternehmens gilt, trifft auch auf Staaten zu. Auch sie müssen sich einem immer schärfer werdenden Finanzplatzwettbewerb stellen. Neben anderen wichtigen Standortfaktoren – wie etwa geopolitische Stabilität, verfügbare Talentressourcen, Anbindung an Finanz- und Handelszentren, Reputation und technische Infrastruktur –, sind es insbesondere auch die nationalen regulatorischen und steuerlichen Rahmenbedingungen, die die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit eines Finanzplatzes ausmachen.

Regulierung definiert Standortcharakter

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu verstehen, wie Regulierung konkret wirkt: Dass sie eben nicht nur die nationalen Spielregeln in einem bestimmten Sektor definiert, sondern de facto darüber entscheiden kann, ob in einem bestimmten Land lancierte Finanzprodukte oder -dienstleistungen – oder sogar ein ganzer Finanzplatz per se – erfolgreich sein können. Im zweiten Teil meines Posts schildere ich, welchen Einfluss Regulierung auf das marktbeherrschende Dominant Design nehmen kann und was das für den Unternehmenserfolg heisst. Dort finden Sie auch eine Literaturliste zum Thema.

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Die weltweit verwalteten Vermögen werden bis 2020 auf über 100 Bio. US-Dollar ansteigen. Die Vermögensverwaltung wird deshalb wichtiger. In mehreren Beiträgen für diese Blogsite beleuchten Experten von PwC Schweiz jeweils einen besonderen Aspekt, den diese Entwicklung mit sich bringen wird.

Bereits erschienen:

[1] Vgl. hierzu Dobrauz-Saldapenna, G./Hess, M., Schweizer Finanzmarktrecht im Wandel. Systematische Darstellung einer Konzeptrevolution zur Harmonisierung der Schweizer Aufsichtsrechtssystematik mit EU-Standards am Beispiel von FIDLEG und FINIG, in: Der Compliance Berater, 11/2014, S. 434ff.

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