HR und Leadership

Design Thinking als neuer Weg in der PE?

05. September 2014

Wie klingt Stillstand? Auch beim genauen Hinhören ist da nicht viel Musik drin. Die Personalentwicklung steht nach meiner Wahrnehmung im Moment in vielen Unternehmungen still und entwickelt sich kaum. Erkennbar ist das an Jahr für Jahr gleich aussehenden Ausbildungskatalogen, bei Copy-Paste-Anfragen für Team-Interventionen, oder wenn Mentoringkonzepte in die Jahre kommen und an Anziehungskraft verlieren – und mit ihnen die Firma als Arbeitgeber.

Human Centered Design als Rezept für die PE

Ein Ausweg aus dem Alltagsbrei sind neue Rezepte. Ein populäres Innovations-Rezept heisst „Human Centered Design“ von IDEO. Die eigentliche Innovationsfabrik IDEO entwickelt weit mehr als nur innovative Lösungen für global tätige Marken wie Converse, eBay oder Brooks. Ursprünglich haben die Erfinder ihre Methode als „Design Thinking“ bezeichnet. Die Erkenntnis, dass der Mensch und seine realen Bedürfnisse am Anfang neuer Ansätze und Methoden stehen muss, führte zum Begriffszusatz „Human Centered“. Um die mögliche Wirkung der Ideen von IDEO auf die Personalentwicklung zu verstehen lohnt sich ein genauer Blick auf die Wurzeln des aktuellen Stillstands.

Am Ursprung fehlender Innovation liegt die in meiner Wahrnehmung die mangelnde Wertschätzung für HR als Dienstleistung in einer Organisation und die daraus resultierende hohe Fluktuationsrate im Bereich Personalentwicklung. Wir Personalentwicklenden haben uns diese Situation jedoch teilweise selbst zuzuschreiben. Copy-Paste-Strategien sind im PE-Alltag leider allzu gegenwärtig

Illustratives Beispiel

Wechselt eine Trainingsverantwortliche den Arbeitgeber, setzt sie am neuen Ort ihre vertrauten PE-Konzepte vom letzten Arbeitgeber um. Das Bekannte vor dem Neuen, das Sichere vor dem Unerprobten. Das Konzept hat sich schliesslich beim letzten Arbeitgeber bewährt, und vor allem ist es rascher eingeführt als ein Konzept auf der grünen Wiese. Man hat ja genug anderes zu tun und die Umsetzung eilt!

Doch was, wenn die Konzepte und Inhalte nicht auf die neue Unternehmenskultur passen? Oder wenn sie zwischen Arbeitgebenden so austauschbar werden, dass sie neuen Mitarbeitenden bereits vom letzten Anstellungsverhältnis her bekannt sind und als alter Kaffee daherkommen? „Houston, we have a problem!“

Das grössere Bild

Die PE ist häufig Opfer fehlender Innovationsbereitschaft auf der obersten Führungsebene. Die Innovationsspirale dreht nach unten. Keine Risikobereitschaft des Top-Managements, zu wenig Innovation in der Personalentwicklung, keine Anziehungskraft für wirklich innovativ denkende neue Köpfe, und als Ergebnis unter dem Strich keine Innovation bzw. sinkender Unternehmenserfolg. Eigentlich ist die Aufgabe der Personalentwicklung, eben Personal zu „entwickeln“ für die Umsetzung der Unternehmensstrategie. Entwicklung verlangt Innovation. Mutlosigkeit bringt Stillstand oder Rückschritt. Viele Personalentwicklende sollten sich dies vermehrt vor Augen führen und dürfen, nein müssen mutiger werden.

Voraussetzungen für Innovation

Für wirkliche Innovationskraft im Bereich Personalentwicklung gibt es nach meiner Erfahrung drei wesentliche Voraussetzungen:

1. Bewusstheit Innovation verlangt Reflexionsbereitschaft und die Offenheit, über sein eigenes System kritisch nachzudenken. Wichtig ist hier, die unangenehmen Themen der Führungskräfte anzusprechen und bisherige Wege zu hinterfragen. Hierzu muss der Beobachtende wirklich zuhören und in der Analysephase konsequent auch mal harte Hypothesen formulieren sowie ins eigene System zurückspiegeln.
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2. Systematische Kreativität Erinnern Sie sich an Ihr letztes Brainstorming? Wurden die wichtigen Regeln dabei beachtet? Stimmte die Haltung aller im Brainstorming? Und wie wurden Inputs im Folgeschritt ausgewählt und weiter verfolgt? Hier braucht es viel Disziplin und Geduld, bis eine erste Feedbackrunde zum Ergebnis durchlaufen werden kann. Allzu schnell verkommen Brainstormings in der Sitzungsflut zu Gelegenheiten, die eigene Position einzubringen und Beiträge voreilig zu bewerten.
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3. Verbindliche Zusammenarbeit... Es braucht klare Rollen der Involvierten, kontinuierliche gegenseitige Inspiration und verbindliche Zusammenkünfte, in denen nicht nur Inhalte diskutiert werden, sondern auch Aspekte der Teamdynamik. Tim Brown spricht in seinem HBR-Klassiker „Design Thinking“ in diesem Zusammenhang vom „Innovation Drill“. Vergessen Sie den womöglich negativen Beigeschmack von Drill. Das Repetitive im Drill und Härte mit sich selbst, im Innovationsprozess eigene Annahmen zu hinterfragen, sind wichtige Voraussetzungen, um Bewegung in starre Systeme zu bringen.
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Human Centered Design schafft diese Voraussetzungen teilweise. Der Kreativitätsprozess muss aber professionell geführt werden. Perspektivenwechsel und Feedback sind wesentliche Elemente erfolgreicher Innovation.

Kritischer Blick auf Design Thinking

Die Methode ist en vogue, ein kritischer Blick auf den Trend kann also nicht schaden. Jeffrey Tjendra setzt sich in ihrem Blogbeitrag Why design thinking will fail kritisch damit auseinander und spricht von einer Dynastie, die so sicher wie sie aufblüht, so sicher auch wieder verschwinden werde. Die 13 von ihr angeführten Gründe zeigen auf, dass der eigentliche Innovationsprozess im Kontext der Firma gut eingebettet werden muss. Kreativität fürs Business ist nur gut, wenn das Business damit auch Geschäfte machen kann. Wenn Design Thinking zum Selbstzweck wird, verliert es rasch an Legitimation. Der Business-Verstand darf also nicht fehlen.

Von Kant stammt die Aussage: „Habe Mut, bediene dich deines Verstandes.“ Das kann durchaus auch als Aufforderung an Personalentwicklende verstanden werden, den gesunden Menschenverstand anzuwenden und damit mutig zu sein. Die betriebliche Realität ist oft anders. Macht, Gier und Kampf verbauen eigentlich sinnvollen Business-Ideen den Erfolgspfad. Wer wagt es zuerst, die negative Spirale zu durchbrechen?

Weitere Informationen

Im Blogbeitrag Paradigmenwechsel sind keine Hexerei beschreibe ich den ersten Schritt zum Überwinden alter Denkmuster. Am Thema „Human Centered Design" und "Creative Confidence" Interessierte wenden sich bitte an mich oder hinterlassen einen Kommentar.

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„Houston, we have a problem! (Quelle: Youtube Trailer)

Dieser Post wurde auch auf MindMove.ch veröffentlicht.

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