HR und Leadership

Handeln Sie gerne oder planen Sie lieber? Teil 2/2

28. Mai 2014

In Teil 1/2 haben wir gesehen, wie Anja und Michael unterschiedlich ticken, sich aber bei der Aufgabenbewältigung gut ergänzen. Basierend auf der PSI-Theorie von Prof. Julius Kuhl schauen wir uns in diesem Beitrag noch die zwei anderen Funktionssysteme anhand des Beispiels von Evelyne und Christian an – Gelassenheit versus Unstimmigkeitsfokus:

Evelyne ist Marketingleiterin in einem Dienstleistungsunternehmen und führt 15 Mitarbeitende. Ihr Tag ist gefüllt mit Terminen unterschiedlichster Art, sie trifft nicht nur Produktverantwortliche und Vertriebsleute, sondern auch Werbeleute und Journalisten und muss natürlich auch regelmässig an die Geschäftsleitung rapportieren. Am besten an ihrem Job gefällt ihr die Vielfältigkeit, kein Tag ist wie der andere. Zur Bewältigung der anspruchsvollen Tätigkeit verlässt sie sich voll und ganz auf ihre Erfahrung, sie weiss, dass sich für jedes Problem eine Lösung findet, manchmal braucht es einfach ein bisschen Zeit oder die zündende Idee. Nur ganz selten lässt sie sich aus der Ruhe bringen. Sie strahlt eine Selbstsicherheit und Zuversicht aus, die ihre Mitarbeitenden immer wieder beeindruckt.

Ganz anders ist da ihr Controller Christian. Er schaut lieber zweimal hin und findet garantiert das Haar in der Suppe, er kann nicht anders. Schon manche Marktstudie hat er sich genauer angeschaut und dadurch einen Fehlentscheid verhindern können. Er achtet auch akribisch darauf, dass man vor Projektstart alle Risiken kennt, das Budget genau kalkuliert hat und auf mögliche Eventualitäten vorbereitet ist. Von vielen wird er als Spassbremse bezeichnet, der überkritisch ist und zu wenig wagt.

Evelyne schätzt ihn sehr. Schon manches Mal hat er mit seiner Genauigkeit und seinem Misstrauen grösseren Schaden abwenden können. Sie kann sich ganz und gar darauf verlassen, dass er garantiert nie wegschaut und sich nicht scheucht, sie auch mit Unangenehmem zu konfrontieren. Regelmässig muss sie ihn aber auch beruhigen, wenn er aus dem Schwarzmalen nicht mehr herauskommt und nur noch das Negative sieht. Dann bringt sie oft Beispiele, wie sie in der Vergangenheit solche Probleme gelöst haben oder welche Möglichkeiten sonst noch zur Verfügung stehen. Das kann er dann meist gut annehmen, da er weiss, dass sie ihn ernst nimmt und es nicht die üblichen Beruhigungsfloskeln der Kollegen sind. Als Chefin sieht sie seine Stärken und weiss, welche Rolle er für den Erfolg der Abteilung spielt.

Funktionssystem 3: Christian erkennt Fehler und Gefahren sofort. Er arbeitet bevorzugt mit dem Funktionssystem des Fehler-Zooms. In diesem System sind wir in der Lage, all unsere Sinne einzuschalten und die feinsten Unstimmigkeiten wahrzunehmen. Ein lauter Knall kann dieses System sofort aktivieren. Menschen, die ihre Aufgaben gerne genau und sorgfältig erfüllen, benutzen dieses System sehr stark. Sie haben eine grosse Sensibilität für Unstimmigkeiten und ihnen entgeht nichts. Da ihnen Perfektion sehr wichtig ist können sie auch schon mal ihre eigenen Bedürfnisse vergessen, denn in solchen Momenten fällt es ihnen schwer, den Zugang zu den eigenen Gefühlen, zum Selbst zu finden. Manchmal laufen sie bisweilen Gefahr, ihre eigenen Ziele aus den Augen zu verlieren.

Funktionssystem 4: Evelyne hingegen agiert und entscheidet gerne aus dem Überblick heraus und verlässt sich dabei auf ihren gesamten Erfahrungsschatz. Es ist das zentrale Funktionssystem fungiert als eine Art Ratgeber, Kuhl bezeichnet es auch als das Selbst.

In diesem System sind all unsere Bedürfnisse, Werte, Vorlieben, Ängste und bisherigen Erfahrungen in einem ausgedehnten Netzwerk gespeichert. Wer einen guten Zugang zu seinem Selbst hat, kann mit Gelassenheit auf neue Situationen reagieren, da ihm sein Erfahrungsgedächtnis nicht nur Lösungen zu Problemen zur Verfügung stellt, sondern auch viele kreative Ideen für neue Herausforderungen und Ziele. Wer aber immer nur gelassen durch die Welt geht, läuft Gefahr, sich nicht genügend mit eigenen Fehlern und Misserfolgen auseinanderzusetzen und daraus zu lernen. In einem solchen Fall gilt es, sich selber auch mit negativen Gefühlen zu konfrontieren. Denn nur wer negative Erlebnisse verarbeitet und daraus lernt, kann sich weiterentwickeln.

Die Kunst der Selbststeuerung

Um mit den vielfältigen Herausforderungen des Lebens zu Recht zu kommen, ist es notwendig, dass wir uns sehr schnell in allen Systemen bewegen können, resp. bei Bedarf schnell zwischen den Systemen wechseln können und die Vorteile aller Systeme für unser Handeln nutzen können. Wir können das Aktivieren der Funktionssysteme trainieren, dies nennt man Selbstregulation oder Selbststeuerung. Gute Selbststeuerungsfähigkeiten sind der Schlüssel zu einer erfüllenden und selbstbestimmten Lebensgestaltung und zentral für gesundes Führen. Wenn wir in der Lage sind, in einer spezifischen Arbeits- oder Lernsituation das geeignete Funktionssystem zu aktivieren, können wir unser Gelingen erheblich beeinflussen.

Um etwas detaillierter zu analysieren, was einen antreibt und wie man bevorzugt an die Umsetzung von Absichten geht, eignet sich die von Prof. Julius Kuhl auf der Basis seiner PSI-Theorie abgeleitete PSI-Kompetenzanalyse. Dieses Persönlichkeitsdiagnostik-Verfahren wurde an der Universität Osnabrück entwickelt und misst u.a. den Entwicklungsstand bestimmter Fähigkeiten, die für das Lernen, Entscheiden und Erbringen von Leistungen wesentlich sind. Der Test eignet sich für den Einstieg in ein Coaching bzw. berufliche Standortbestimmung, im Recruiting und auch für die Teamentwicklung.

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