Banking und Finance

So berechnen Banken den Darlehenszins Teil 3/3 PRAXIS

16. April 2014

Nicht alle Bankkunden erhalten den gleichen Darlehenszins. Bei gewissen Kreditnehmern liegt der Zins deutlich über dem durchschnittlichen Niveau. Das gilt besonders bei Firmenkunden. Was sind die Gründe dafür? Im dritten und letzten Teil meines Blogposts geht es um das Rating und seine Einflüsse auf die individuelle Zinsermittlung.

Die Ausfallwahrscheinlichkeit (Probability of Default) ist ja die wichtigste Komponente für die Ermittlung des individuellen Risikozuschlags für einen Kreditnehmer. Das wurde im zweiten Teil erläutert. Für die Festlegung dieser Kenngrösse wird für jeden Kreditnehmer ein eigenes Rating erstellt.

Bei Firmen- wie auch bei Privatkunden besteht dieses Rating primär aus zwei Teilen. Das sind die qualitative und die quantitative Beurteilung. Bei meinen Erläuterungen beschränke ich mich auf das Firmenkundenrating.

Die qualitative Beurteilung eines Firmenkunden berücksichtigt so genannte weiche Faktoren. Hier ein paar Beispiele, was Bankfachleute für ihre Ratings deshalb anschauen:

  • Management
  • Produkte
  • Markt
  • Konkurrenz

An den Beispielen sieht man, dass die qualitative Beurteilung teilweise sehr subjektiv werden kann. Wie beurteilt man die Kompetenz des Managements? Wie ermittelt man den nachhaltigen Erfolg der Produkte? Nur schon die Frage, ob die Marktstellung auch in Zukunft gehalten werden kann, ist relativ schwierig zu beantworten. Es gibt ja auch immer wieder Beispiele selbst grosser Unternehmungen, die einst Marktführer waren und nun um ihr Überleben kämpfen. Wie viele Analysten haben solche Tendenzen bereits vorher wirklich erkannt und entsprechend beim Rating berücksichtigt? Zudem besteht die Gefahr, dass die qualitative Beurteilung eher zu positiv ausfällt. Viele Unternehmer sind schliesslich gute Verkäufer und der beim Bankberater hinterlassene positive Eindruck fliesst dann auch in die Bewertung ein.

Die quantitative Beurteilung hingegen stellt auf die harten Faktoren ab. Hier werden je nach Bank ganz unterschiedliche Finanzkennzahlen angeschaut. Nachfolgend ein paar Beispiele für mögliche Kennzahlen:

  • Eigenfinanzierungsgrad
  • Liquiditätsgrad II
  • Cash Flow Marge
  • Verschuldungsfaktor

Diese Kennzahlen werden anhand des Jahresabschlusses des Kunden berechnet. Die meisten Banken gewichten den Zahlenteil bei der Ratingberechnung deutlich höher als die weichen Faktoren. Dies geschieht nicht nur wegen der hohen Objektivität und Nachvollziehbarkeit der Bewertung. Wenn ein Kunde ein sehr gutes Produkt entwickelt hat, sollte sich dies in absehbarer Zeit ja auch entsprechend positiv auf die Kennzahlen auswirken. Besonders bei einer schon lange bestehenden Unternehmung zeigen eigentlich die Zahlen am besten, wie gut das Management oder die Produkte sind.

Aber auch der Zahlenteil hat seine Probleme. Er ist auf die Vergangenheit bezogen. Zudem kann mit buchhalterischer Kosmetik der Abschluss deutlich besser dargestellt werden, als er eigentlich ist. Da braucht es die Erfahrung des Analysten um  dies zu erkennen und entsprechend bei der Bewertung zu berücksichtigen. Nicht zu vergessen ist die Branchenproblematik. Zum Beispiel ist bei der einen Branche ein Eigenfinanzierungsgrad von 20% bereits ein guter Wert. Bei einer anderen Branche wäre dies aber eine ungenügende Höhe. Gewisse Banken nehmen deshalb je nach Branche andere Vergleichswerte für die Kennzahlen und/oder lassen ein generelles Branchenrating noch in den Zahlenteil einfliessen.

Auch wenn inzwischen der grösste Teil der Ratings mittels Softwareunterstützung berechnet wird, braucht es immer noch menschliche Experten um gewisse Spezialfälle erfassen zu können. Am wichtigsten für ein aussagekräftiges Rating ist die volle Transparenz des Kreditnehmers. Nur so ist gewährleistet, dass er nicht eventuell einen zu hohen Risikozuschlag bezahlt. Sicherlich kann es unter Umständen auch positive Auswirkungen auf das Rating haben, wenn der Unternehmer eigentlich negative Entwicklungen verschweigt. Dies funktioniert aber meist nur kurzfristig. Im Gegenzug wird das Vertrauensverhältnis zur Bank gründlich gestört, was im schlimmsten Fall eine Kreditkündigung nach sich ziehen kann. Das wäre ein hoher Preis für einen allfälligen kurzfristigen Zinsgewinn.

Abschliessend ist zu sagen, dass aufgrund des Ratings und des daraus resultierenden Risikokostenzuschlages die Zinshöhe zwischen den verschiedenen Kreditnehmern sehr unterschiedlich sein kann. Aus diesem Grund verzichten inzwischen auch einige Banken darauf, offizielle Zinssätze zu publizieren. Je nach Kreditnehmer weicht nämlich der effektive Zinssatz deutlich von diesen Werten ab. Die Aussagekraft solcher publizierten Zinssätze ist daher sehr gering.

Vielleicht wird es in Zukunft für Kreditofferten ein ähnliches Modell wie bei den Versicherungen geben. Für die Offerte einer Versicherungsgesellschaft muss man ja zuerst ein paar rudimentäre Fragen zur eigenen Situation beantworten. Ähnlich könnte man aus meiner Sicht auch bei Privatkundenhypotheken vorgehen. Die Kunden geben einige Eckdaten ein und erhalten dann ein personalisiertes Angebot. Bei Firmenkunden dürfte ein solches Modell aber eher schwierig umzusetzen sein. Das Firmenkundenrating ist nämlich deutlich komplexer als das Privatkundenrating.

Verwandte Artikel