Accounting und Controlling

Veräusserungswert <> Veräusserungswert

24. März 2014

Mit der Einführung des neuen Rechnungslegungsrechts befindet sich im Obligationenrecht (OR) ein Begriff, der unterschiedlich angewendet werden muss. Es geht um den Veräusserungswert, zu finden in Art. 725 Abs. 2 und Art. 958a Abs. 2 OR. Demnach regelt Art. 725 Abs. 2 OR das Vorgehen im Falle einer Überschuldung. In diesem Zusammenhang sind eine Bilanz zu Fortführungswerten und eine Bilanz zu Veräusserungswerten zu erstellen.

Beim Veräusserungswert, wie er mit Art. 725 Abs. 2 OR festgelegt  ist, handelt es sich gemäss verschiedenen Autoren (z.B. Kommentar zum OR von Kren et al, Böckli Aktienrecht) um den Verkehrswert. Diesem sind auf der Passivseite die notwendigen Rückstellungen für die Kosten der Verwertung und Liquidation gegenüberzustellen.
Gemäss Art. 958a Abs. 2 OR müssen Aktiven zum Veräusserungswert bewertet werden, wenn die Einstellung eines Betriebes oder eines Betriebsteils in den nächsten 12 Monaten beabsichtigt ist oder nicht abgewendet werden kann. Zudem sind Rückstellungen für die mit der Einstellung der Tätigkeit verbundenen Aufwendungen zu bilden.

Frage: Ist der in Art. 958a Abs. 2 OR genannte Veräusserungswert derselbe wie im Falle von Art. 725 Abs. 2?

Die Botschaft zum Art. 958a Abs. 2 führte aus, dass hierbei die gesetzlichen Vorschriften zur Höchstbewertung (Art. 960 ff. OR) zu beachten seien, zudem verwies sie auf einen bis jetzt noch nicht in Kraft getretenen Art. 725c OR (siehe auch Gesetzesentwurf laut Botschaft vom 21.12.2007, Seite 1785). Erlaubt wäre gemäss diesem Artikel eine Aufwertung nur dann, wenn ein Aktivum in den nächsten 12 Monaten veräussert werden soll und diese Veräusserung möglich ist.
In der „Hängepartie“ zwischen neuen Rechnungslegungsrecht (bereits in Kraft) und der noch pendenten Revision des Aktienrechts  heisst Veräusserungswert im Sinne von Art. 958a Abs. 2 OR derzeit deshalb Folgendes:
Ein Aktivum, dessen Veräusserungswert tiefer liegt als der Fortführungswert, muss nach unten korrigiert werden.
Liegt der Veräusserungswert jedoch höher als der OR-Höchstwert (d.h. Anschaffungspreis oder beobachtbarer Marktwert), ist dieser OR-Höchstwert die Obergrenze.
Führt jedoch die neue Bilanzierungsart zu einer qualifizierten Unterbilanz im Sinne von Art. 725 Abs. 1 OR oder gar einer Überschuldung, wäre als Veräusserungswert – bei den Aktiven, die über dem OR-Höchstwert liegen – auch der Marktwert möglich. Dies würde mittels Bilanzierung einer Aufwertung basierend auf dem immer noch gültigen Art. 670 OR erfolgen. Das geltende Gesetz lässt eine Aufwertung auch dann zu, wenn die Veräusserung nicht in den nächsten 12 Monaten möglich ist. Wird eine Immobilie aufgewertet, muss man je nach Kanton noch an die Rückstellung für die Grundstückgewinnsteuer denken. Zu prüfen wäre allerdings, ob der Veräusserungswert im Falle einer nicht abwendbaren Einstellung der Betriebstätigkeit (z.B. Konkurs) nicht tiefer als der aktuelle Verkehrswert einzusetzen ist. Denkbar wäre in diesem Fall auch ein Wert, wie er sich im Rahmen eines Notverkaufs oder einer amtlichen Versteigerung ergeben könnte.
Also aufgepasst: Der Veräusserungswert ist ein Kommt-darauf-an-Wert.

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