Banking und Finance

Brauchen wir neue Regeln für Werbung von Finanzdienstleistern?

05. März 2014

Werbung spielt für den Vertrieb von Finanzanlageprodukten eine zentrale Rolle. Verhaltensregeln, die Vorgaben für die Ausgestaltung und Präsentation von Informationen in der Werbung für Anlageprodukte aufweisen, bestehen im Schweizer Aufsichtsrecht jedoch kaum. Ganz anders ist es in der EU: Dort ist Werbung für Investmentfonds und von Wertpapierfirmen stark reglementiert. Meine 2013 an der Universität Zürich vorgelegte Dissertation „Regelung der Werbung im Bank- und Kapitalmarktrecht“ untersucht die Frage, ob es sich hierbei um eine Überregulierung im EU-Recht handelt oder ob das schweizerische Anlegerschutzrecht insbesondere Kleinanleger nur unzureichend vor dem Einfluss von Werbematerial auf deren Entscheidungsfindung schützt.

Nachfolgend stelle ich kurz die wichtigsten Erkenntnisse aus meiner Arbeit vor.

1. Die empirischen Ergebnisse der Behavioural Finance‑Forschung zum Anlegerverhalten und ‑denken zeigen auf, dass ein typischer Kleinanleger nicht schon allein durch die Bereitstellung aller erforderlichen Informationen zu einer auf sachlichen Kriterien geleiteten Anlageentscheidung befähigt wird. Ebenfalls erforderlich sind Vertriebsregeln, die Werbung beschränken, die systematisch auftretende Entscheidungsfehler von Kleinanlegern anspricht und ausnutzt. Solches Werbematerial kann einseitig und unangemessen auf die Anlageentscheidung einwirken und begünstigt Fehlentscheidungen. In diese Kategorie fällt z.B. Werbematerial, das die historische Wertentwicklung des Anlageprodukts in den Vordergrund rückt.

2. Für solches Werbematerial existiert ein normativer Regulierungsbedarf, weil es geeignet ist, den Schutz der Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte sowie den individuellen Anlegerschutz zu gefährden. Damit wird ein Anlegerleitbild vorausgesetzt, das Rationalitätsdefizite von Anlegern berücksichtigt und vom homo oeconomicus abweicht. Gegen ein rationales Anlegerleitbild spricht, dass es wegen der limitierten Informationsaufnahme‑, Informationsverarbeitungs- und Informationsspeicherungskapazität von Menschen für einen ganz erheblichen Teil der realen Anlegerschaft ein unerreichtes Ideal bleibt.

3. Werbung für Finanzanlageprodukte sollte so reguliert werden, dass durch gezielte Vorgaben an die Ausgestaltung und Präsentation von Informationen in der Werbung verhindert wird, dass sie typische Fehler von Kleinanlegern bei der Entscheidungsfindung begünstigt und ausnutzt. Dieser Regulierungsansatz bezweckt, die Ausnutzung von Rationalitätsdefiziten durch Dritte zu verhindern, nicht jedoch Entscheidungsfehler von Anlegern zu stabilisieren oder zu reflektieren. Der Grundsatz der eigenverantwortlichen Anlageentscheidung wird durch ihn nicht beeinträchtigt.

4. Die Werberegeln der europäischen Markets in Financial Instruments Directive (MiFID) und ihrer Durchführungsrichtlinie lassen sich im Lichte dieses Regulierungsansatzes auslegen. Sie wirken einer Ausnutzung von Entscheidungsfehlern von Kleinanlegern durch Werbung bereits entgegen. Anhand der Erkenntnisse der Verhaltensökonomik lässt sich aber auch ein Optimierungsbedarf für die bestehende Regelung der Werbemodalitäten in der EU feststellen.

Fazit: Für die Regulierung der Werbung für Finanzanlageprodukte im schweizerischen Kapitalmarktrecht bietet sich eine grobe Orientierung an den MiFID‑Werberegeln an. Allerdings sollten vorgeschlagene Vertriebsregeln ex‑ante daraufhin mit empirischen Tests untersucht werden, ob sie tatsächlich geeignet sind, einer Ausnutzung von Entscheidungsfehlern von Kleinanlegern durch Werbematerial entgegenzuwirken.

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Buchtipp
Die Dissertation von Martin Brenncke „Regelung der Werbung im Bank- und Kapitalmarktrecht“ ist im Schulthess Verlag erschienen und online bestellbar.Regelung der Werbung im Bank- und Kapitalmarktrecht, Schulthess Verlag.

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