Banking und Finance

Ethik, Shareholder Value und Banken

20. Januar 2014

Das Bankmanagement muss über den Tag hinaus denken, um im Spannungsfeld von Shareholder Value und gesellschaftlicher Ethik sicher zu navigieren. Die mediale Berichterstattung über das (Fehl-)Verhalten der Schweizer Banken ist sowohl im In- als auch im Ausland in den letzten Jahren und Monaten teils zu einer regelrechten Banken-Hetzjagd ausgeartet. Politik und Gesetzgeber reagierten betreffend Auslandsgeschäften mit erhöhtem Druck und schärferer Regulierung der Branche. Aus Sicht der Gesellschaft muss ein nicht unbedeutender Schaden für die Reputation der Branche und eine wachsende Unbeliebtheit einschlägiger Berufe konstatiert werden. Die Bankbranche wird als moralisch mehrheitlich fragwürdige Industrie wahrgenommen. Diese Entwicklung und die durch die Annahme der Abzockerinitiative gestärkte Position des Shareholders werfen die Frage auf, welche Zusammenhänge zwischen Shareholder Value und Ethik bestehen und welche praktische Bedeutung das für die Bankführung hat.

Zur Beantwortung dieser Frage müssen verschiedene Einflussfaktoren berücksichtigt werden:

  • Zunächst ist festzuhalten, dass der Beitrag der Bankbranche zur Schweizer Wirtschaftsleistung zwar tiefer ist als vor der Finanzkrise, nach wie vor aber signifikant ist.
  • Ausserdem nehmen Banken wichtige volkswirtschaftliche Funktionen wahr, deren Fehlen das Funktionieren der Volkswirtschaft als Ganzes in Frage stellen würde.
  • Dann sollte beleuchtet werden, was genau unter Ethik verstanden wird. Prinzipiell befasst sich Ethik mit der Bewertung menschlichen Handelns als gut oder schlecht und misst Taten an moralischen Wertvorstellungen. Diesen moralischen Richtlinien liegt aber immer ein Menschen- und ein Weltbild zugrunde. Entsprechend der Vielfalt an Menschen- und Weltbildern gibt es eine Vielfalt an Ethiken. Eine davon ist der Utilitarismus (die Nützlichkeitsethik: gut ist was einen Nutzen bringt) welche der Shareholder Value Ansatz als Grundlage voraussetzt.

Shareholder Value: Finanzkennzahl und Ethik in einem

Nun kann der Shareholder Value (Wert für den Aktionär) Denkansatz beleuchtet werden. Im Grunde stellt er eine finanzmathematische Kennzahl dar, welche der Messung der Leistungen des Bankmanagements dient. Er gilt, sofern er angewendet wird, als der eigentliche und einzige Unternehmenszweck einer Bank und rangiert sogar vor dem Treuhandverhältnis mit dem Kunden und den volkswirtschaftlichen Funktionen einer Bank. Allerdings bedarf seine Anwendung mehrerer Voraussetzungen. Bankmanager müssen, um im Interesse der Shareholders zu agieren, am Gewinn der Bank beteiligt werden. Ohne diese Voraussetzung käme es der Principal-Agent-Theorie folgend zu Informationsasymmetrien, welche für das Überleben der Bank hohe Risiken bedeuten würden.

Damit der Shareholder Value Ansatz funktionieren kann, müssen ein utilitaristisches Menschenbild (der Mensch als des Menschen Wolf) und ein deterministisches Weltbild (die Welt als mathematisch funktionierende und stets berechenbare Maschinerie) vorausgesetzt werden. Der Shareholder Value Ansatz ist also, vorausgesetzt dass alle von der Banktätigkeit betroffenen Anspruchsgruppen den Menschen als des Menschen Wolf in einer vollkommen berechenbaren Welt betrachten, ein in sich bereits ethischer Denkansatz. Nun stellen jedoch Welt- und Menschenbild der von der Banktätigkeit betroffenen Anspruchsgruppen keine per Managemententscheid bestimmbaren Grössen dar. Vielmehr sind es diese drei Parameter, welche die entscheidenden Komponenten der Managementebene beeinflussen.

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Quelle: Eigene Darstellung

Für die Entscheidungsfindung des Bankmanagements ergibt sich aus diesen Ausführungen, dass die Managementebene, also Strategie, Struktur und Kultur der Bank, wie sie von neuen St. Galler Management Modell beschrieben wird, von Menschenbild, Weltbild und Unternehmenszweck der involvierten Anspruchsgruppen geprägt werden.

Dabei gilt es die folgenden Treiber zu beachten:

  • Das Weltbild ist Treiber von Strategie und Struktur
  • Das Menschenbild ist Treiber von Strategie und Kultur
  • Der Unternehmenszweck ist Treiber von Struktur und Kultur

Feststellen liessen sich diese Treiber mittels einer quantitativen Befragung aller Anspruchsgruppen und des anschliessenden Präferierens jenes Welt- und Menschenbildes, sowie des daraus resultierenden Unternehmenszwecks, welche eine Mehrheit erhalten. Es bleibt jedoch die Problematik der dadurch ausgeschlossenen Anspruchsgruppen (sofern es diese gibt), welche der Bank rufschädigend entgegentreten könnten. Eine ethische Wendehalsstrategie, welche versucht allen Anspruchsgruppen mit ihren jeweils eigenen Welt- und Menschenbildern gerecht zu werden, führt einzig dazu, dass einzelne Entscheide immer von einigen oder mehreren Anspruchsgruppen als ethisch fragwürdig betrachtet werden und die Bank wiederum in einen moralisch fragwürdigen Nimbus geriete.

Hinzu kommt die Tatsache, dass eine Entscheidung des Managements zu Gunsten einer folgend der Befragung mehrheitsfähigen Ethik wiederum eine Güterabwägung darstellt, die, wie alle Güterabwägungen, ebenfalls eine Ethik zur Grundlage hat. Wie bereits erwähnt ist Ethik nicht etwas absolut bestimmbares, sondern wird durch jede Anspruchsgruppe, auch das Management, in den Entscheidungsprozess eingebracht.

Dies bedeutet für die Schweizer Bankenwelt, dass, wenn sie Ethik ernst- und gewissenhaft in ihre Geschäftstätigkeit mit einbeziehen will, sie diese auf ein Fundament, bestehend aus Welt- und Menschenbild, sowie Unternehmenszweck stellen muss. Dabei muss sie sich von einer empirisch verifizierbaren Lösung zunächst verabschieden und eine Ethik wählen, die es ihr erlaubt ethisch tragfähige Grundsatzentscheide zu fällen. Einzelne Konsekutiventscheide ethischer Natur sind dann empirisch überprüfbar. Ein Erstentscheid jedoch kann dies aus bereits erwähnten Gründen nicht für sich in Anspruch nehmen. Für Personalentscheide auf Managementstufe stellen ethische Grundwerte solche Parameter dar, die bei der Auswahl des Managements von entscheidender Bedeutung sind.

Dieser Blogpost entstand aus der an der Kalaidos Fachhochschule vorgelegten Masterarbeit mit dem Titel „Shareholder Value und Ethik in der Bankenbranche“.

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