HR und Leadership

LGBT Diversity Karrieremesse für die Schweiz? Ein Erfahrungsbericht der Berliner Sticks and Stones Karrieremesse

01. November 2013

Die Messe «Sticks & Stones» in Berlin ist eine einzigartige Karrieremesse, wo Inspiration, Kreativität und Individualität aufeinanderprallen. Unter dem gemeinsamen Nenner der Diversität präsentierten sich am vergangenen Wochenende zum vierten Mal progressive Unternehmen und Organisationen mit einer grossen Vielfalt an Karrieremöglichkeiten. Dabei trafen Talente und Querköpfe von heute auf freie Stellen von morgen.

Ein Karrieremesse-Format, das auch in der Schweiz Erfolg haben könnte.

Entstanden ist die Messe aus der sogenannten LGBT-Thematik (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender), hat sich aber neu positioniert und berücksichtigt inzwischen alle Themen von Diversity. Ob schwul, trans, behindert, Karrierefrau, Piercing-Fetischist oder was auch immer einem einzigartig macht, es spielt hier keine Rolle. Dieses erfrischende Set-Up machen die Sticks & Stones tatsächlich zu einer Karrieremesse der besonderen Art. Wobei an dieser Stelle erwähnt sei, dass wohl nur ein kleinerer Teil der Besucher aus dem LGBT-Netzwerk stammte und viele offene Persönlichkeiten schlicht die Chance nutzen, sich hier mit Top-Arbeitgebern zu treffen.

Ein modernes Music-, und Lifestyle-Hotel direkt an der Spree als Austragungsort untermalte das unkonventionelle Ambiente und setzte auch visuell neue Akzente. Die Besucher wurden durch aussergewöhnliche Vorträge, Workshops und Wettbewerbe inspiriert. Zudem bot sich die Möglichkeit, sich bei Smalltalk in der Chillout-Zone oder auf der After-Show-Party mit Spezialisten und Führungskräften auf Augenhöhe über die Karriere auszutauschen oder neue Kontakte zu knüpfen.

Ist die Schweiz bereit für Diversity?

In meiner Funktion als Recruiter war ich in Begleitung eines Kommunikations-, und Eventspezialisten aus Zürich, wobei wir uns auf drei Fragestellungen konzentriert haben:

  1. Erfüllt die Karrieremesse, die grossen Versprechungen und entspricht sie unseren Erwartungen?
  2. Was erfahren wir von Ausstellern und Gästen über ihre Motivation an der Messe teilzunehmen?
  3. Ist ein solches Messe-Konzept auch in der Schweiz umsetzbar?

Charta der Vielfalt

Die Türöffnung war auf Samstagmittag 12 Uhr angesetzt: Innert kürzester Zeit war das Messegelände brechend voll. Viele Hochschulabsolventen und aufstrebende Fachkräfte, aber auch erfahrene Spezialisten und Führungskräfte fanden sich unter den Besuchern. Ihr Ziel: Sie wollen mit den ausstellenden Arbeitgebern in Kontakt kommen, welche die deutschlandweit geltende «Charta der Vielfalt» unterschrieben haben.

Die Liste der 62 Aussteller ist vielseitig, sie werben, rekrutieren und bilden neue Netzwerke, dazu bieten sie kostenlose Bewerbungsberatung und Fachinformationen an. Auf der Dachterrasse steht eine Hüpfburg, die aussieht wie ein Kassettenrecorder. Leute an Seilwinden rennen die Hotelfassade runter, ein DJ legt Azealia Banks und Clouseau-Remixe auf. Die Allianz ist da, Ikea und BMW, Roche, Bearing Point, Groupon, BCG, booking.com, die deutschen Ableger von Facebook , Coca Cola, IBM, Hugo Boss und Anwaltskanzleien wie Baker & McKenzie.
Die Vertreter sind HR-Fachleute und Diversity-Zuständige sowie Spezialisten aus den Bereichen, wo Fachkräfte besonders rar sind. So konnte man sich bei Adidas mit einem Schuhdesigner oder bei VW Financial Services mit einem GL-Mitglied austauschen.
Die Interessierten standen Schlange, um mit den Firmen in Kontakt zu treten und sich ein Gespräch zu sichern.

Messefeeling mit dem gewissen Etwas

An «Ice-Talks», spannenden Vorträgen von maximal 15 Minuten, konnten wir uns berieseln lassen von Best-Practice-Beispielen erfolgreicher Jungunternehmer, Diversity-Fachleuten und erfrischende Inputs erhalten von teilweise recht «bunten Vögeln», die mit ihrer Geschichte zum Thema Karriere und Diversität die Zuhörer inspirierten. Neugierig waren wir auch auf die «Speed-Networking-Lounges», zu denen man sich vorab anmelden musste. Dort präsentierte man sich in kurzen aufeinander folgenden Gesprächen mit teils hochrangingen Firmenvertretern, ähnlich wie in der Business-Women Career Lounge. Ebenso gab es Karriereberatungen, Bewerbungsfoto-Shooting mit Make-Up Artist und Startfotografen und dank der trendigen Hotelarchitektur viele Rückzugsorte für vertiefte Networking-Gespräche oder ein Drink an der Bar mitten im Messegelände.

Employer Branding par excellence

Das Feedback der Firmen war äusserst positiv. Langjährige Teilnehmer haben Ihre Präsenz stetig hochgeschraubt: So erklärten etwa die Vertreter von IKEA, dass sie anfangs nur mit einer Person des internen Diversity-Netzwerkes präsent waren und inzwischen mit einem deutlich grösseren Team anwesend sind. Die Vertreter einer Anwaltskanzlei, die zum ersten Mal an der Messe dabei war, erklärten offen, dass anfangs intern nicht alle restlos von der Teilnahme überzeugt waren: «Wieso sollen wir an einer Messe für Randgruppen teilnehmen?» Diese Frage habe sich inzwischen ins Gegenteil gekehrt und nach Abschluss der Messe war das Feedback einhellig positiv, vor allem weil Kanzleien sich mit entsprechender Offenheit auf dem Arbeitsmarkt von der Konkurrenz abheben können, was nicht zuletzt für das Employer Branding von unschätzbarem Wert sei. Am Stand der BMW Group erfahren wir, dass einige interessante CVs aufgenommen werden konnten von Spezialisten aus der IT aber auch Ingenieure die man nun für weitere Gespräche kontaktieren werde.

Fazit  - Vielfalt ist ein Gewinn für alle

Die Besucherzahl von über 2500 Personen war neuer Rekord. Die internationalen Firmen reagierten besonders positiv, auf unser Interesse, eine ähnliche Veranstaltung auch in Zürich zu lancieren und einige sicherten bereits eine Teilnahme zu. Kontakte sind jedenfalls geknüpft. Wir gehen nun in die nächste Runde für den Standort Zürich. Firmen und Interessenten sind aufgerufen sich zu bewerben – unter einer Bedingung: Wie in Berlin darf nur werben und rekrutieren, wer sich nachweislich zu Diversity bekennt.

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