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Startup: Uepaa lanciert App für Verbesserungen in der Bergrettung

11. Juli 2013

Manchen Opfern von Unfällen in den Schweizer Bergen könnte bei entsprechender Alarmierung schneller geholfen werden. Das Startup-Unternehmen Uepaa will mit einer App Retter gezielter und damit rascher an einen Unfallort bringen. Basis der App ist eine an der ETH in Zürich entwickelte Technik. Die Idee: Mit der Vernetzung von Handys lassen sich Unfallopfer auch in Gebieten ohne Mobilnetzabdeckung orten. Neue Wege geht Uepaa auch bei der Finanzierung.

Bei bestem Wetter geniessen viele den Aufenthalt in den Schweizer Bergen. Doch von allen sportlichen Freizeitaktivitäten ereignen sich beim Wandern am meisten Unfälle, wie eine Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) ausweist. Oft müssen Unfallopfer in einem abgelegenen Gebiet ausharren, bis sie gefunden werden. Zwar tragen heutzutage praktisch alle ein Handy auf sich, doch der fehlende Empfang von Geräten aufgrund von Lücken im Mobilfunknetz verunmöglicht die Alarmierung von Rettungskräften auf direktem Wege. Der Massentourismus bringt es zudem mit sich, dass in den Bergen immer mehr Personen in Gebieten ohne Mobilfunkempfang unterwegs sind. Dramatisch wird es, wenn Handynutzer darauf vertrauen, dass eine Alarmierung von Rettungskräften jederzeit und von überall her möglich ist. Bei Unfällen in den Bergen verstreicht bei der Suche nach Unfallopfern deshalb oft wertvolle Zeit. Doch bei der Bergung von Opfern zählt jede Minute. Eine erfolgreiche Rettung beginnt deshalb mit einer möglichst frühen und situationsgerechten Alarmierung. Und hier setzt die neue App von Uepaa an.

„Restrisiken bedenken“
„Angefangen hat alles vor drei Jahren an einem verschneiten Novembertag“, sagt Uepaa-Gründer und CEO Mathias Haussmann. Der erste Schneefall kündigt dieses Mal die Wintersaison früh an, für Aficionados des Wintersports gibt es dann kein Halten mehr. Unterwegs sind in der Regel nur wenige, welche das Hochgefühl, im Frischschnee talwärts zu stieben, schon in der Vorsaison auskosten wollen. Doch in Vorfreude auf die Skiabfahrt und bei der Bergfahrt seien dem passionierten Freerider und Familienvater die Restrisiken bewusst geworden. Bereits in der Gondel hätten sich deshalb mehrere Personen abgesprochen und die Telefonnummern ausgetauscht für den Fall, dass abseits der Piste etwas passiert. „Die Idee hat mich danach nicht mehr losgelassen“, sagt Mathias Haussmann. Er überlegte sich, wie Personen die Vernetzung ihrer Handys leichter bewerkstelligen können. Ein Motto hatte er schon damals im Kopf: Schütze dich, rette andere.

Abklärungen im Rahmen des Marketings und Gespräche mit Organisationen des Rettungswesens zeigten, dass ein Bedürfnis nach einer situationsgerechten Alarmierung vorhanden war. Diese Tatsache führte zur Erkenntnis, im Bereich der Rettung speziell bei der Alarmierung Verbesserungen ins Auge zu fassen. Das Vorgehen beim Abgleich von Dienstleistung und Marktbedürfnis kannte Haussmann bereits aus früheren Tätigkeiten, denn für Grossunternehmen in der Medtech-Branche hatte er vor Jahren bereits mehrere Startups zum Laufen gebracht.

Technik der ETH als „ideale Grundlage“
Für die praktische Umsetzung begann danach die Suche nach technischen Lösungen. An der ETH wurde er aufmerksam auf das von Professor Bernhard Plattner betreute Projekt Podnet. Bei der Technik nach dem Prinzip Peer-to-Peer ging es um den Austausch grosser Datenmengen wie beispielsweise Musikdateien. Allerdings ging die technische Entwicklung beim Austausch grosser Datenpakete in eine andere Richtung, denn weil Provider entsprechende Bandbreiten zur Verfügung stellen konnten, erfolgte die Nutzung von Musikdateien je länger je mehr mittels Streaming-Technik. „Podnet fand zwar nicht mehr für den vorgesehenen Zweck Verwendung, doch für Uepaa war es eine ideale Grundlage“, sagt Mathias Haussmann. Ein Lizenzvertrag bildete schliesslich die Grundlage für die neue Anwendungsmöglichkeit von Podnet. Für Uepaanet musste Podnet allerdings neu codiert werden, was rund ein halbes Jahr in Anspruch nahm. Die technische Lösung eng begleitet hatte Franck Legendre, der an der ETH das Projekt Podnet während mehrerer Jahre mitbetreute. Er stieg schliesslich als Mitgründer bei Uepaa ein. „Die Konstellation war ein Glücksfall“, wie Haussmann sagt. Als Berater involviert ist auch Bernhard Plattner.

Suche nach Investoren und Rolle von Investiere.ch
Inzwischen – es ist das Jahr 2011 – widmet sich Haussmann dem Projekt vollamtlich. Parallel zur Bewältigung der technischen Herausforderungen begann für Haussmann die Suche nach Investoren. Allein 2011 führte Uepaa mit 50 bis 60 potenziellen Investoren Gespräche durch. Zwar würdigten die meisten Interessenten den konzeptionellen Ansatz von Haussmann, zuerst die Bedürfnisse abzuklären und erst dann nach der technischen Lösung zu suchen – oft genug erfolgt dies umgekehrt –, dennoch stiess Haussmann auf Zurückhaltung. Nach einer Reihe von Absagen ermöglichten schliesslich Preisgelder von Wettbewerben die Erstellung erster Prototypen.

Insbesondere auch über die Internetplattform Investiere.ch konnte Uepaa schliesslich 33 Investoren gewinnen. Bei Investiere.ch handelt es um eine Plattform nach Art des Crowd-Investing. Zu den Investoren gehören grösstenteils Privatpersonen, die sich mit Beträgen zwischen 10‘000 und 50‘000 bei Uepaa engagieren, sowie um sogenannte Business Angels. Beteiligt ist auch die ZKB, klassisches Venture Capital ist dagegen nicht involviert. Moneyhouse weist bei der Uepaa AG ein Aktienkapital von 175‘000 Franken aus. Speziell die Beteiligung von Privatpersonen hat sich als ideal erwiesen. „Diese Gruppe von Investoren zeigte Affinität zur Technik und testeten die Betaversionen ausgiebig, was uns wiederum zu wertvollen Erkenntnissen führte“, sagt Mathias Haussmann.

Mit anderen Handys ein Netz knüpfen
Uepaa nutzt für den Dienst die Möglichkeiten der sogenannten opportunistischen Technik. Weil die Mobilfunknetze nicht die gesamte Fläche der Schweiz abdecken, dienen stattdessen Mobilfunkgeräte der Übermittler von Informationen. Mit der App von Uepaa profitieren alle von einer direkten Anbindung an die Notrufzentrale der Uepaa – 24 Stunden und 7 Tage pro Woche. Sollte der Empfang fehlen, weil das Handynetz Lücken aufweist, sucht sich der Alarm seinen Weg über andere Smartphones in der Umgebung. Möglich macht das die sogenannte Peer-to-Peer-Technik, welche Smartphones aller Nutzer und Retter zu einem Adhoc-Netz verknüpft. Dank dem sogenannten “Grüezi”-Prinzip teilen Uepaa-Nutzer ihren Standort beispielsweise bei einer Wanderung automatisch mit anderen Nutzern. So werden Angaben zur Person und räumlicher Position auch aus Gebieten ohne Handyempfang übermittelt, wodurch professionelle Retter früher und schneller agieren können. Diese erhalten ebenfalls eine ähnliche App, welche die Peilung von verunfallten oder vermissten Personen ermöglicht. Da die Handys unabhängig vom Mobilfunknetz untereinander verbunden sind, funktioniert die App gerade auch dann, wenn das Handynetz nicht mehr vorhanden ist. Alarmsignale erreichen zuerst Personen in der Umgebung und über Trackingfunktionen auch Gewährspersonen oder Angehörige. Erst diese lösen im Bedarfsfall dann eine Rettung aus. Die Prozedur hilft zudem, Fehlalarmmeldungen zu vermeiden. In der Anfangsphase wird der Dienst von Uepaa noch durch Luftortung unterstützt. „Je mehr Personen bei Uepaa dabei sind, desto weniger Luftortung wird nötig sein“, sagt Haussmann.

Datenschutz: Ein- und Ausschaltung der App möglich
Die Datensicherheit sieht Haussmann gewährleistet, da sich die App beispielsweise bei einem Aufenthalt in den Bergen einschalten und dann wieder ausschalten lässt. Eine solche Ein- und Ausschaltfunktion ist bei Apps unüblich. Die Übertragung der Daten erfolgt zudem verschlüsselt. Und die Daten werden nach Verstreichen einer bestimmten Frist gelöscht, wobei Uepaa diesbezüglich vorsichtig sein müsse. Insbesondere mache es keinen Sinn, Daten vorzeitig zu löschen, gerade wenn es beispielsweise darum gehe, den Aufenthaltsort von vermissten Personen zu eruieren.

Der Firmenname geht übrigens ebenfalls zurück auf sportliche Aktivitäten von Mathias Haussmann. Im Tennis war er beim Schlagen einer Rückhand derart geschickt, das ihm unverhofft der Laut „Uepaa“ entfuhr. Von Kameraden wurde Haussmann immer wieder an „Uepaa“ erinnert, später war der Ausdruck immer wieder Synonym für Geglücktes.

Neue Funktionen und Expansion geplant
„Wir wollten den Dienst unbedingt mit Beginn der Wandersaison starten. In den letzten Wochen haben wir deshalb hart daran gearbeitet“, sagt Mathias Haussmann. Ab September 2013 will Uepaa eine automatische Unfallerkennung anbieten. Denn oft sind Unfallopfer über eine bestimmte Zeit bewusstlos oder sie können den Alarmknopf an einem Gerät nicht mehr betätigen. Für die Rettung verstreicht so wiederum wertvolle Zeit. Mit der entsprechenden App sollen Geräte eine Unfallsituation erkennen können und über Funk ein anderes Gerät suchen. Das Prozedere für einen Alarm muss dabei wiederum so ausgestaltet werden, dass bestimmte Situationen berücksichtigen werden, bei denen keine Rettung ausgelöst werden sollte wie beispielsweise dann, wenn jemand den Rucksack zusammen mit dem Handy irgendwo vergessen hat. Eine weitere Funktion läuft unter dem Begriff Kameradenhilfe, bei der Handynutzer in der näheren Umgebung eine Alarmmeldung erhalten.

Haussmann sieht Uepaa als Unterstützung der Rettungsprozesse mit alternativer Suchtechnik und die Schweiz auch als eine Art Testmarkt. In einem nächsten Schritt gelte es, auch die Märkte umliegender Alpenländer zu bearbeiten. Ebenfalls ab September 2013 wird die App voraussichtlich international erhältlich sein. Als Berater bei Uepaa mit im Boot ist unter anderen der frühere Swisscom-Finanzchef Ueli Dietiker sowie Sascha Hardegger von der Rega. Intensivieren will Uepaa gemäss Haussmann die Zusammenarbeit mit Schweiz Tourismus und den Bergbahnen. Bei der Vermarktung arbeitet Uepaa mit der Mammut Sports Group AG zusammen. Vorgesehen ist auch, spezielle Funktionen für Wintersportler anzubieten wie etwa die Hilfe bei der Suche nach Verschütteten bei Lawinenniedergängen. „Wenn nur eine Person gerettet werden kann, weil früher erkannt wird, dass sie sich in einer Notlage befindet, hat sich unsere Vision erfüllt“, sagt Mathias Haussmann.

Weitere Links

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