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Die Heldenreise – auf Schatzsuche im Laufbahncoaching

05. November 2012

Seit frühester Kindheit hören und erzählen wir Geschichten, kleine und grosse, dramatische und all-tägliche, interessante und langweilige. Wir nutzen diese Geschichten nicht nur, um anderen Menschen Erlebtes mitzuteilen, sondern auch, um das Erlebte für uns zu interpretieren und verständlich zu machen. Geschichten stiften Sinn – den Sinn, den wir brauchen, um uns in dieser Welt zurechtzufinden. Geschichten schaffen Bedeutung und auf diese Weise bilden wir uns unsere Lebensgeschichte, über unsere Person, über unsere Lebensverhältnisse, unseren Beruf, die Kollegen, Nachbarn, und Freunde. Und dann folgen wir dieser Lebensgeschichte und lassen sie zur Realität werden. Erlebtes wird so interpretiert und die Interpretation beeinflusst unser Erleben.
Im frühen 20. Jahrhundert analysierte der amerikanische Kultur-Ethnologe Josef Campbell die Struktur weltweiter Mythen und Sagen. Dabei fiel ihm auf, dass in den Heldenepen Griechenlands, den Mythen Afrikas bis hin zu Erzählungen der Inuit oder der Indianer immer wieder der gleiche Ablauf auftauchte. Campbell nannte ihn die «Heldenreise»: Ein Protagonist ereilt der Ruf des Abenteuers, er bricht auf, um den Schatz zu finden und muss dabei einen langen Weg der Prüfungen mit vielen Gefahren bestehen. Schliesslich kommt er dort an, wo der Schatz von einem gefährlichen Drachen bewacht wird. Er kämpft seinen letzten Kampf, erringt den Schatz und kehrt letztlich mit ihm in die Heimat zurück.
In diesen Heldenmythen sind Fragen zu Veränderung und Entwicklung verankert. Themen sind dabei das Entdecken und die Förderung von Stärken, die Fokussierung von Werten, das Meistern von Prüfungen, das Auflösen oder Integrieren von Widerständen und das Leben von Visionen. Der Archetyp des Helden geht Herausforderungen auf den Grund und findet darin die Ressourcen für die Bewältigung – ob Mann oder Frau, alt oder jung.
Ich habe versucht, dieses «Heldenprinzip» für das Laufbahncoaching zu verwenden. Im Zentrum dieser Art von Coaching steht dabei die Frage, was der Schatz ist. Anders ausgedrückt ist das die Frage danach, was Sie (als Coachee) erreichen möchten – manchmal ist es gar nicht so leicht, dieses Ziel klar zu bestimmen. Nach der Definition des Schatzes versucht man zu bestimmen, an welchem Punkt Sie gerade stehen.

  • Sind Sie schon im Abenteuerwald oder stehen Sie noch am Waldrand?
  • Was hält Sie ab, die Grenze zu überschreiten?
  • Sind Sie überhaupt beim/im richtigen Wald, in dem der Schatz auch zu finden ist?

Wenn man den Ausgangspunkt definiert hat, kann man in die Planung übergehen:

  • Was werden die nächsten Gefahren oder Prüfungen sein, die Ihnen entgegentreten werden?
  • Welche Figuren werden Ihnen begegnen?
  • Wie bringen Sie Ihren Schatz sicher nach Hause?
  • Welche Helfer und Gefährten brauchen Sie dazu?

Wer eine Veränderung seiner Lebensumstände anstrebt, dem vermag das Motiv der Heldenreise den Schub zum Aufbruch in eine bessere Zukunft zu geben. Es hilft Menschen, die für sich neuen Sinn suchen und einen Neubeginn tatkräftig in Angriff nehmen wollen. Und so werden wir zum Helden, der den Drachen besiegt, die Prinzessin rettet und den Goldschatz birgt. Dabei umgeben uns Verbündete, Widersacher, Türhüter, Magier, Geheimnisträger, Clowns und Weise. Das, was meine KlientInnen nach einer kurzen Sitzung für sich mitnehmen, ist bereits in ihnen  vorhanden. Durch die Metapher rückt es ins Bewusstsein und sie können es klar und verantwortungsvoll in ihren Alltag integrieren.
Quellen:

  • Campbell, J. (2002). Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt a.M.: Insel Verlag.
  • Schildhauer, T., Trobisch, N. und Busch, C. (Hrsg.) (2011). Realität und Magie des Heldenprinzips heute. Ein Arbeitsbuch für Wirtschaft, Wissenschaft und Weiterbildung. Münster: Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG.

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