Accounting und Controlling

CFO-Interview: Distanz zu operativen Abläufen und mangelndes Risikomanagement als Gefahr

28. September 2012

Eine zu grosse Distanz zu den operativen Abläufen und eine Vernachlässigung eines aktiven Risikomanagements sind die grössten Gefahren, die beim Führen einer Finanzabteilung bestehen können, sagt Aroldo Cambi, CFO bei der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV. Damit eine CFO seinen Auftrag erfüllen kann, gehören neben dem Flair für Zahlen zunehmend auch Sozialkompetenz und Stärken im strategischen Denken zu den Basisfähigkeiten. Gesellschaftlich gesehen stelle die Altervorsorge künftig sicher eine Herausforderung dar, zumal diese gemäss verfassungsmässigem Auftrag ein Leben in Würde garantieren soll.

Welche spezifische Aus- und Weiterbildung ist für die Rolle eines Finanzchefs unbedingt erforderlich?

Nebst einer fachspezifischen Weiterbildung im Bereich Rechnungswesen oder Controlling nimmt meines Erachtens die Bedeutung des vernetzten Denkens zu. Dazu gehören die Aneignung von Sozial- und Selbstkompetenzen sowie Stärken im Bereich der strategischen Führung. Die Zeiten, in denen sich der „Finänzler“ exklusiv mit seiner Zahlenwelt befassen durfte, sind vorbei.

 

 

Was sind die grössten Fehler, die man beim Führen einer Finanzabteilung machen kann?

Ich sehe drei Gefahren. Erstens eine allzu grosse Distanz und Unkenntnis von den operativen Abläufen. Ein Finanzchef muss den Mitarbeitenden einerseits die erforderlichen Gestaltungs- und Entfaltungsspielräume gewähren und sich somit nicht allzu stark in die delegierten Aufgaben einmischen, andererseits muss er über diese Abläufe eine Gesamtschau wahren und sie laufend nach Effizienz und Effektivität beurteilen können. Zweitens darf er die Bedeutung eines aktiven Risikomanagements nicht unterschätzen, sondern sich dafür mit Glaubwürdigkeit einsetzen. Der dritte kapitale Fehler ist, der Organisation eine undifferenzierte Berichterstattung für die unterschiedlichen Anspruchsgruppen anzubieten, die den individuellen Informationsbedürfnissen nicht gerecht wird. Transparenz, Relevanz und Form beissen sich häufig je nach Zielpublikum.

Als CFO sind Sie in viele Projekte involviert. Wie gehen Sie vor, um eine Verzettelung zu vermeiden?

Eine Projektorganisation, bei der die Aufgabenteilung sowohl in vertikaler als auch in horizontaler Sicht durchdacht und gut geplant ist, erachte ich als A und O. Meine Erfahrung ist, dass Mitarbeitende sehr gerne in Projekten arbeiten und dies in der Regel auch sehr engagiert tun. Eine gute Ausgangslage, um sich nicht zu verzetteln, ist also häufig gegeben.

Welche Themen bereiten Ihnen zurzeit die grössten Sorgen?

In erster Linie sicherlich die Entwicklung an den Finanzmärkten. Wir leben seit nun rund 5 Jahren in äusserst unstabilen Märkten und seit rund einer Dekade mit einem künstlich tief gehaltenen Zinsniveau. Die Effekte sind auf der ganzen Breite des Finanzspektrums verheerend. Angefangen bei den Pensionskassen, die ihren Rentenversprechen kaum mehr nachkommen können, bis hin zu den sich in regelmässigen Abständen von 2 bis 3 Jahren bildenden Blasen und den daraus abgeleiteten Schocks, die sehr häufig die Ärmsten am stärksten treffen.

Was sind aktuell die grössten gesellschaftlichen Herausforderungen, denen sich auch die Gewerkschaft stellen muss?

Das grösste Problem ist zweifellos die Altersvorsorge. Die AHV erfüllt längst nicht mehr ihren verfassungsmässigen Auftrag, das Leben in Würde zu sichern. Speziell die unteren Einkommensklassen sind davon stark betroffen, zumal diese auch bei der Zweiten Säule schlechte Aussichten haben. Erfreulicherweise ist die Beschäftigungslage in der Schweiz weiterhin gut, wobei die flankierenden Massnahmen zu den Verträgen mit der EU wichtig sind, um das Lohnniveau halten zu können.

Wie sind die Arbeitnehmer in den verschiedenen Branchen in der Schweiz organisiert?

Unter dem Dach des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes gibt es Branchengewerkschaften, wobei die Industriegewerkschaft Unia klar die grösste ist. Der SEV ist innerhalb des SGB Nummer 2. Wir weisen nach wie vor einen der höchsten Organisationsgrade der Schweiz auf. Im öffentlichen Verkehr sind rund zwei Drittel der Beschäftigten Gewerkschaftsmitglied.

Was sind aus Sicht der Finanzierung Eigenheiten in einer Gewerkschaft?

Die diversifizierte Ertragsstruktur. Eine gesunde Gewerkschaft finanziert sich in erster Linie über Mitgliederbeiträge. Ein grosser Mitgliederbestand kann jedoch auch genutzt werden, um in den verschiedensten Bereichen und in den unterschiedlichsten Formen Partnerschaften einzugehen. Gute Partnerschaften schaffen monetäre win-win-win-Situationen (für den Partner, für die Mitglieder und für die Gewerkschaft).

Was war als Kind Ihr Traumberuf?

Ich wollte Ski-Abfahrer werden. Das waren meine Helden. Ein Abfahrtfahrer muss die perfekte Kombination aus Tugenden wie Mut, Können, Präzision und einer Prise Wahnsinn finden, um beispielsweise die „Streif“ (Kitzbühel) oder das „Lauberhorn“ (Wengen) zu bezwingen. Wer auf der „Streif“ gewinnt, ist für mich auch heute noch der „Grösste“. Da bleibt mir nur Bewunderung.

Wir danken Aroldo Cambi für das Interview.

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