HR und Leadership

"Willkommen bei uns" oder "Störenfried"? Das E-Rekrutierungsportal aus Sicht des Bewerbers

13. Juni 2012

Die Welt wandelt sich. Und zwar  immer schneller. Ob das  nur unsere Wahrnehmung oder eine Tatsache ist,  sei mal dahin gestellt. Die grössten Auswirkungen des Wandels  werden vom technologischen Fortschritt verursacht.

Der Drang  nach Effizienz bei der Rekrutierung

Die Firmen arbeiten effizienter und verschlanken ihre Prozesse, auch bei der Rekrutierung. Das  führt in diesem Bereich zu deutlichen Veränderungen, die ich als Personalberaterin seit einigen Jahren haut nah erlebe.   Der erste Schritt dieses Wandlungsprozesses war die Aufschaltung der Stellenausschreibungen auf die neu lancierten Jobplattformen und parallel dazu auf die firmeneigene Website. Ein leichter, schneller und kostengünstiger Weg, an potenzielle Kandidaten zu kommen.

Online-Bewerbungen erfreuen sich, vor allem bei grösseren Unternehmen, zunehmender Beliebtheit. Sie haben auf ihrer Homepage  ein eigenes Rekrutierungsportal   (e-Recruiting-Portal),  über das sich die Kandidaten online bewerben (müssen).

Der langfristige Trend auf dem Arbeitsmarkt

Bei allen Vorteilen, die so ein  e-Recruiting-Portal aus Sicht einer Firma bieten mag, stellen sich meines Erachtens doch ein paar kritische Fragen: Wie fühlen sich die Bewerber bei diesem Prozess? Welches Image vermittelt ein Unternehmen möglichen zukünftigen Mitarbeitenden? Aufgrund der demographischen Entwicklung wird der Arbeitsmarkt immer  trockener und das Defizit an Fachkräften immer grösser. Berechnungen für  Deutschland gehen davon aus, dass im Jahre 2020 (bei einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 1.7%)  2.4 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. [1] In den hochentwickelten Volkswirtschaften wird der Mangel an qualifizierten Fach- und Führungskräften die Firmen zu verstärkter Eigenwerbung, v.a. zur Steigerung ihrer Attraktivität als Arbeitgeber zwingen.  Einige Arbeitgeber haben diesen Trend bereits erkannt und führen neue Funktionen, wie HR-Marketing, ein. In diesen Werbebereich werden viele  Ressourcen  und Kreativität  investiert (Filme, Social Media etc.).

Vom Bittsteller zum umworbenen Kandidaten

 

Ist das e-Recruiting-Portal, wie es heute eingesetzt ist,  die richtige Antwort auf die sich wandelnden Anforderungen des Marktes?

Eine Bewerbung via ein e-Recruiting-Portal einzureichen, erzeugt häufig ein Gefühl von Isolation, Unpersönlichkeit und Anonymität. Die  Zeit der „Einweg-Bewerbung“ ist angebrochen! Wie bei vielen anderen Websites von Anbietern,  gibt es  immer seltener persönliche Kontaktinformationen auf dem Rekrutierungs-Portal der Firmen. Hat ein Bewerber eine individuelle, nicht standardisierte Frage, z.B.   zu Aufgaben und Verantwortung, zu den Anforderungen, zum finanziellen Rahmen, zum Bewerbungsprozess oder was auch immer, steht er vor „verschlossenen Türen“. Der Aufwand für die Beantwortung derartiger, für Bewerber oft entscheidender Fragen hat in einem Effizienz-optimierten Konzept keinen Platz mehr.  Willkommen bei uns!  

Wenn der Kandidat  trotz der Hindernisse seine Bewerbung online erfasst, bekommt er in den meisten Fällen statt einer freundlichen Begrüssung (z.B. „Herzlich willkommen bei uns“ oder „Danke für Ihr Interesse an unserer Firma“) eine ellenlange Erklärung (Neudeutsch „Disclaimer“ genannt) zu lesen, in der er erfährt, was die Firma mit seinen Daten ermächtigt ist zu tun. Dazu gehört oft auch die Speicherung der Daten im Ausland, die Weiterleitung der Daten an Dritte und  ihre Aufbewahrung über mehrere Jahre. All dies natürlich im Einklang mit den gesetzlichen Datenschutzvorschriften, wie beflissentlich betont wird (und was eigentlich selbstverständlich sein sollte).  Wenn der Bewerber den Bestimmungen nicht zustimmt, kann er sich nicht bewerben und  wird im besten Fall gebeten, seine Entscheidung zu überdenken.  Willkommen bei uns!  

Der „Willkommensgruss“ geht manchmal noch einen Schritt weiter: Es wird bereits auf dem Jobportal  vorgewarnt: „Wir kontaktieren nur  Kandidaten, die zu einem Interview eingeladen werden“.   Alle anderen Bewerbungen versinken im Datenkübel der  Bedeutungslosigkeit. Keine Rückmeldung, nichts… . Warten heisst die Devise für Bewerber. Wie lange? Mit der heutigen Technik sollte es doch keine Hexerei sein, aus dem e-Recruiting-Portal eine Bestätigung oder ein Absageschreiben zu generieren. Besser als überhaupt kein Hinweis auf die Behandlung von Bewerbungen ist diese Angabe aber allemal.  Es gibt auch Firmen, die ihre Bewerber komplett im Ungewissen lassen.

Ein Kandidat nach der Online-Bewerbung

Im Online-Portal muss der Bewerber  seine Daten erfassen, die gleichen Daten notabene, die bereits in seinem CV stehen, den er separat erstellt hat und der ohnehin im Portal hochgeladen werden muss. Ausserdem darf er eine Reihe von Fragen beantworten, die für die Stelle  gar nicht relevant sind: Geschlecht, Religion, Rasse, ob er  berechtigt ist, in den USA zu arbeiten (für eine Stelle in der Schweiz, wohl verstanden) etc.

Je nach System-Kapazität müssen die Dokumente in mehreren Schritten erfasst werden, und wenn dann noch die Verbindung unterbrochen wird oder das System „abstürzt“, darf er das Prozedere noch einmal durchlaufen. Effizienzsteigerung? Vielleicht, aber sicher nicht für alle Parteien. Willkommen bei uns! Der Ton macht bekanntlich die Musik. So gibt es auch auf diesem Gebiet die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt. Firmen nämlich, die bezüglich Inhalts, Struktur, Transparenz und Systemkapazität beweisen, dass es auch Bewerber-freundlich geht.

Fazit

Viele Firmen stellen höchste Ansprüche an Bewerber, nicht wenige beklagen den Mangel an qualifizierten Kandidaten, die meisten bezeichnen sich selbst als „bevorzugte Arbeitgeber“ und ihre Mitarbeitenden als ihren „grössten Wert“. Und dann überlassen sie bereits den ersten Kontakt einem standardisierten, anonymen Medium. Das will mir, trotz langjähriger Erfahrung in der Personalvermittlung, einfach nicht ganz einleuchten…

 

Literatur
[1] Gero Hess, Geschäftsführer von embrace, der anerkannte Spezialist in Deutschland für Employer Branding

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