Accounting und Controlling

Regelwerk IFRS Favorit der G20-Länder oder mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede bei IFRS und US GAAP

18. Juni 2012

Sowohl die International Financial Reporting Standards (IFRS), die US Generally Accepted Accounting Principles (US GAAP) als auch die Swiss GAAP FER erheben für sich den Anspruch, ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage zu vermitteln („true and fair view“). Die Rechnungslegungen haben sich daher hauptsächlich an den Bedürfnissen des Kapitalmarkts orientiert. Neben dem übergeordneten Prinzip des „true and fair view“ sind auch die anderen grundlegenden Prinzipien, auf denen die drei Rechnungslegungsstandards aufbauen, sehr ähnlich. So verlangen alle drei Standards eine Aufstellung der Jahresrechnung nach der Grundlage der Periodenabgrenzung („accrual basis accounting“). Ebenfalls kennen die drei Standards die Grundsätze der Wesentlichkeit und der Stetigkeit in Bewertung, Darstellung und Offenlegung.

Obligationenrecht gewichtet Vorsichtsprinzip höher als Transparenz

Einen untergeordneten Stellenwert hat das im Schweizer Obligationenrecht (OR) stark verankerte Vorsichtsprinzip. Dieses begründet sich auf dem Ziel des Gläubigerschutzes. Doch lässt das OR nahezu unbegrenzte die Bildung (und Auflösung) von stillen Reserven zu. Ein verlässlicher Einblick in die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage ist daher nur begrenzt möglich. Das OR wird daher für diesen Vergleich nicht weiter behandelt.

Was ähnlich ist und was unterschiedlich

Die drei wichtigsten Standards IFRS, US GAAP und Swiss GAAP FER haben bestimmte Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Die drei Rechnungslegungswerke sind wie folgt aufgebaut:

  • Die grundlegenden Prinzipien der IFRS finden sich im Rahmenkonzept („conceptual framework“), auf dessen Grundlage sich aktuell 37 weitere Standards aufbauen. Die Standards werden durch 26 Interpretationen (IFRIC und SIC) ergänzt. Sollte ein Standard oder eine Interpretation keine Antwort auf eine Rechnungslegungsproblematik liefern, greifen die Prinzipien des Rahmenkonzepts. Dieser Fall ist jedoch aufgrund der hohen Reglungsdichte selten.
  • Swiss GAAP FER beschreibt seine Grundsätze ebenfalls in einem Rahmenkonzept, welches alle Fälle abdeckt, was in den 23 weiteren Fachempfehlungen nicht geregelt ist. Darüber hinaus bestehen drei branchenspezifische Fachempfehlungen und eine Fachempfehlung für Konzernrechnung.
  • Die US GAAP bestehen aus einer Reihe von Einzelfallregelungen, die vom Financial Accounting Standards Board (FASB) systematisiert und in der Accounting Standards Codification (FASB ASC) zusammengefasst wurden. Die ASC bestehen aus fünf globalen Bereichen, in denen ca. 90 Themenbereiche behandelt werden. Darin ist auch ein Rahmenkonzept abgehandelt, das wie oben erwähnt den grundlegenden Prinzipien der IFRS und Swiss GAAP FER ähnelt.

 

US GAAP und IFRS sehen die gleichen Bestandteile des Abschlusses vor: Bilanz, Erfolgsrechnung, sonstiges Ergebnis, Eigenkapitalspiegel, Mittelflussrechnung und Anhang stellen einen integralen Bestandteil des Jahresabschlusses dar. Swiss GAAP FER verzichtet neben den vorgenannten Bestandteilen auf eine separate Darstellung des sonstigen Ergebnisses, stattdessen werden diese Positionen in der Regel direkt im Eigenkapital erfasst.

Als grundlegendster Unterschied zwischen US GAAP und IFRS fällt die Einzelfallorientierung im US GAAP auf. In den ASC ist nahezu jeder Sachverhalt durch eine Einzelregelung geregelt. Demgegenüber steht mit den IFRS ein Regelwerk, das sehr stark prinzipienorientiert ist. Dieser Unterschied fällt vor allem bei der Seitenzahl ins Gewicht. Die hohe Seitenzahl der IFRS mit bis zu 2500 Seiten wird daher deutlich von den ca. 17‘000 Seiten des US GAAP übertroffen.

Vereinheitlichung der IFRS und US-GAAP als Ziel

Generell ist jedoch hervorzuheben, dass sich die IFRS und die US GAAP für die meisten Geschäftsvorfälle sehr ähnlich sind. Anders ausgedrückt haben die beiden Standards in ihrer Anwendung mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Die Unterschiede zwischen den beiden Standards begründen sich meistens in einer Vielzahl von Faktoren wie industriespezifische Praktiken, Interpretationsspielräume in IFRS oder bei der Ausübung von Wahlrechten der beiden Standards. Das IASB und das FASB streben seit dem Abschluss des „Norwalk Agreement“ auf eine Vereinheitlichung der IFRS und US-GAAP hin. In einem gemeinsamen „convergence project“ haben das IASB und das FASB die wesentlichsten Unterschiede aufgelistet, die es zu harmonisieren gilt. Der Erfolg dieses Projekts ist noch unklar und wird auch vom Interesse der nationalen Regulatoren und den Industrielobbyisten an einem einheitlichen Standard abhängen. Die Arbeiten laufen aber auf Hochtouren wie beispielsweise das Projekt „Umsatzerfassung“ zeigt.

Renaissance von Swiss GAAP FER wegen einfacher Anwendung

Die schlank und eher pragmatisch gehaltenen Swiss GAAP FER (207 Seiten) lassen hingegen dem Anwender noch viel Ermessens- und Interpretationsspielräume, beispielsweise wie die Fachempfehlungen ausgelegt werden können. Insbesondere in den Bereichen Pensionsverpflichtungen, Unternehmenszusammenschlüsse und Finanzinstrumente besteht eine deutlich geringere Regelungsdichte. Dieser Punkt unterscheidet die Swiss GAAP FER massgeblich von den Richtlinien gemäss IFRS und US GAAP. Und: Swiss GAAP FER ist einfacher in der Anwendung. Als Folge davon hat Swiss GAAP FER in den letzten Monaten bei mittelgrossen Unternehmen eine Art Renaissance erlebt. Eine Angleichung der Swiss GAAP FER an die IFRS ist allerdings vorerst nicht zu erwarten.

Geht es nach den Vorstellungen der G20-Nationen, soll IFRS sich als internationale Accounting-Sprache durchsetzen. Aus Investorensicht ist eine Einheitlichkeit sicherlich zu begrüssen, solange die Performance der Unternehmen damit auch sinnvoll dargestellt werden kann.

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Hauptautor

  • Daniel Wüst,  Partner, Leiter Assurance und Mitglied der Geschäftsleitung von Ernst & Young Schweiz

Co-Autoren

  • Roger Müller, Partner, Financial Accounting Advisory Services, Ernst & Young Schweiz.
  • Julian Fiessinger, Manager, Financial Accounting Advisory Services, Ernst & Young Schweiz.

Kontakt Medienstelle: http://www.ey.com/CH/de/Newsroom/PR-contacts

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