Digitization
Chinas neue Währungspläne (Symbolbild)

Fünftausend Menschen sahen im Oktober in der südchinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen ihre Mobiltelefone aufleuchten. Sie erfuhren, dass sie einen digitalen "roten Umschlag" im Wert von 200 Yuan (c.a. 27 CHF) gewonnen hatten. Jeder sechste Bürger dort hatte an einer Lotterie teilgenommen, in der Hoffnung, ein kleines Taschengeld in der neuen digitalen Währung der chinesischen Zentralbank, Digital Currency/Electronic Payment (DECP), zu gewinnen.

Die chinesische Regierung steht an der Spitze derer, die an der Einführung virtueller Währungen arbeiten. Sie wollen kommerziellen Anbietern von Online-Zahlungen nicht das Feld überlassen. Die People's Bank of China (PBoC) ist der Ansicht, dies werde den Yuan als weltweites Zahlungsmittel beliebter machen. Aber der eigentliche Anreiz für Peking scheint ganz woanders zu liegen, denn eine digitale Nationalwährung kann unzählige Daten über die Zahlungsströme und das Nutzerverhalten der Bürger liefern.

Unabhängigkeit durch digitale Währung

Peking will in der Tat den internationalen Einsatz seiner Währung beschleunigen. Angesichts der Abwärtsspirale in den Beziehungen zu den USA sind US-Finanzsanktionen gegen chinesische Banken und Beschränkungen des Zugangs zum globalen Zahlungssystem SWIFT nicht mehr ausgeschlossen. Dies wäre ein schwerer Schlag, da die meisten grenzüberschreitenden Transaktionen Chinas in US-Dollar abgewickelt werden. Chinas CIPS-Zahlungssystem ist zudem immer noch winzig, beträgt es noch nicht einmal ein Prozent der Grösse von SWIFT. Ein globaler Yuan würde es Chinas Unternehmen ermöglichen, unabhängig vom Dollar rund um den Globus zu bezahlen – und bezahlt zu werden.

Für die Regierung in Peking ist der Iran ein Präzedenzfall. Er zeigt, was mit Dollar-abhängigen Ländern geschehen kann, die im Konflikt mit den USA stehen. Schon 2012 wurde das Land von den USA mit Finanzsanktionen belegt. Dies führte auch zu einer Ausgrenzung von iranischen Banken aus dem SWIFT-System. Stagflation und wirtschaftliche Rezession setzten den Iran in Folge unter ernsthaften wirtschaftlichen Druck. Um Arbeitsplätze zu erhalten und seinen Exportsektor abzufedern, sah man sich gezwungen, seine Währung abzuwerten. Das Wirtschaftswachstum kehrte zwar zurück, aber die ausländische Kaufkraft des Iran wurde erheblich geschmälert. So unwahrscheinlich ähnliche Schritte der USA gegenüber China bislang sind, ist es nicht überraschend, dass die chinesische Regierung sich absichern und die Abhängigkeit vom Dollar verringern will.

Digitalwährung – kein Garant für Internationalisierung

China Finance, eine von der PBoC herausgegebene Zeitschrift, veröffentlichte im September einen Kommentar, in dem sie für die Digitalisierung des Yuan plädierte, um das globale Monopol des Dollars zu brechen. 2018 verkündete der stellvertretende Gouverneur der chinesischen Zentralbank, dass die digitale Währung, die sich damals noch in der Entwicklung befand, die Internationalisierung des Yuan unterstützen würde. Derartige Aussagen sind jedoch irreführend, zumal sie unterstellen, der Grund für die relative Unbeliebtheit des Yuan liege darin, dass er noch nicht digitalisiert worden sei. Wird aber allein die Digitalisierung die enorme Diskrepanz zwischen Chinas Anteil an der Weltwirtschaft und am weltweiten Zahlungssystem schliessen?

Wohl kaum, denn das Gewicht, welches den alten physischen Yuan niederdrückt, wiegt ebenso schwer auf seinem digitalen Ebenbild. Dies unter anderem darum, dass die Regierung in Peking weiterhin den Zugang zu in Yuan denominierten Investitionen beschränkt und an Kapitalkontrollen für Auslandsinvestitionen festhält.

Fazit – völlige Transparenz

Es dürfte daher nicht verwundern, dass sich der digitale Yuan nicht grundlegend von den bestehenden digitalen Zahlungssystemen unterscheidet. Sobald die neue virtuelle Währung vollständig in die bestehende Bankeninfrastruktur integriert ist, wird Chinas Zentralbank als Emittent und Kreditgeber neuer Yuan-Einheiten in einem zweistufigen Verteilungssystem fungieren. DCEP bietet einige technologische Verbesserungen, wie beispielsweise die Möglichkeit, nicht registrierte Mini-Transaktionen zu tätigen, aber sie beinhaltet auch leicht weiterentwickelte Verschlüsselungen. Doch diese Verbesserungen sind so marginal – selbst konservativ gemessen an einer möglichen Blockchain-Anwendung –, dass sich die Frage stellt, warum Chinas Zentralbank überhaupt die Notwendigkeit sah, eine digitale Währung einzuführen.

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